Dieter Peeters



Vermisst in Stalingrad






Vorwort


Diese Internetpräsentation wird geführt auf ausdrücklichen Wunsch des Herrn

Dieter Peeters
*10.09.1921 - † 30.05.2021

dessen Bitte an mich gerichtet war, aus mehrerlei Gründen erst nach seinem Ableben Material des persönlichen Nachlasses aus der Zeit in Stalingrad und anschließender russischer Kriegsgefangenschaft als erweiterte Anlage zu seinem Buch "Vermisst in Stalingrad" der interessierten Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Obwohl ich schon zu Lebzeiten des Dieter Peeters eine Internetseite für ihn geführt hatte, war diese bewusst lediglich auf einige zusätzliche Informationen des Buches betreffend beschränkt. Er war damals im hohen Lebensalter einer der wenigen noch lebenden Personen, die als Soldat in den Kämpfen um Stalingrad beteiligt waren und die Fähigkeit besaßen authentisch darüber berichten zu können. Der Zuspruch seiner Publikation war ungeahnt überwältigend. Viele Zehntausend Exemplare wurden über den Buchhandel, bis weit über die Grenzen Deutschlands hinaus vertrieben. Einige daraus resultierende Begleiterscheinungen allerdings waren eher unschön. Dieter Peeters war mit Namen, Anschrift und Telefonnummer im Telefonbuch gelistet. Auf unzählige schriftliche und telefonische Anfragen aus dem In- und Ausland, ja sogar auf Anfragen nach persönlichen Besuchsterminen galt es zu reagieren, was immens viel Zeit und Kraft für den betagten Herrn kostete. Vom ernsthaft Interessierten, über Interviewer von Zeitungen bis hin zu Souvenirjägern und Kriegsenthusiasten, wollte jeder dieser Leute sein Bedürfnis erfüllt haben. Als sein über die letzten 15 Lebensjahre Vertrauter unterstützte ich ihn zu allen Belangen, gleich wie sie gelagert waren. Trotz seiner guten geistigen Vitalität spürte ich jedoch, wie ihn von Jahr zu Jahr und in der letzten Zeit seines Lebens von Monat zu Monat die Kräfte schwanden, bis ich im Mai 2021 die traurige Nachricht erhielt...

Wie kam es zu unserer Begegnung? Im Jahr 2004 trat Dieter Peeters mit der Frage an mich heran, ob er aus meiner Dokumentation über die Kämpfe um Stalingrad Bildmaterial für die beabsichtigte Verlegung seiner Publikation verwenden darf. Nach meiner Zusage entwickelte sich rasch eine vertrauensvolle, ja freundschaftliche Verbindung. In der Folge war es ihm ein Bedürfnis, mich zu ihm nach Düsseldorf einzuladen. Von da an besuchte ich Dieter Peeters die letzten 15 Jahre seines Lebens jährlich mehrfach zu Hause. Uns verband meine Neugier über das Erlebte und seine Mitteilungsbereitschaft jemandem gegenüber, der ihn nicht moralisierend verurteilte, weil er Soldat der Wehrmacht sein musste, sondern der ihm zuhörte, der sich empathisch für ihn interessierte. Nicht nur, dass ich mit den Ereignissen um Stalingrad vertraut war und authentische Informationen für die Großdokumentation in Erfahrung bringen wollte, interessierte mich darüber hinaus der Mensch, der das Grauen an der Wolga erlebte und überlebte und sechs lange, entbehrungsreiche Jahre in russischer Kriegsgefangenschaft überstand. Von Dieter Peeters habe ich nicht zu beschreibende Dinge erfahren, die sich damals in Stalingrad und in der Kriegsgefangenschaft zutrugen. Desto mehr war ich erstaunt, dass zumindest nach außen hin, dieses erlebte Martyrium keine Spuren hinterlassen hatte. Er beschrieb mir oft in Einzelheiten seine Wahrnehmungen über den fast 3.000 km langen Vormarsch Richtung Osten, über die Kämpfe oder aus der Gefangenschaft nie voller Emotionen, sondern sachlich, nüchtern, ohne Groll, auf wen auch immer. Er sagte mir einmal, dass er bei der Erstellung des Manuskriptes für sein Buch viele Begebenheiten aus Angst nicht beschrieb, weil sie für eine Niederschrift zu entmenscht, zu barbarisch vom Leser gewertet werden könnten. Und in der Tat strich der Verlag zu seinem Unmut eigenmächtig Passagen aus seinem Manuskript, die seiner Ansicht nach aus heutiger Sicht zu unangemessen wären. Diese unnötige Zensur führte dazu, dass im Buch Ereignisse aus dem Zusammenhang gerissen sind. Es führt darüber hinaus aber auch dazu, dass durch Weglassen, durch Verharmlosen oder Umdeuten tatsächliche Geschehnisse verfälscht werden. Solche eigenmächtigen Eingriffe sind respektlos dem Verfasser gegenüber. Erwähnt werden muss hierbei, dass Dieter Peeters an den Verlag für die Drucklegung seines Werkes viele Tausend Euros bezahlte und weitere für nachfolgende Auflagen.
Trotz des Altersunterschieds von 40 Jahren verbanden uns aber auch einige persönliche Gemeinsamkeiten wie verschiedene charakterliche Eigenschaften oder Sichtweisen und Bewertungen auf Dinge des Lebens. Ich habe Dieter Peeters kennen und schätzen gelernt als ehrlichen, aufrichtigen, gerechten, großzügigen Mensch, der nicht danach strebte sein Gegenüber zu übervorteilen, sondern nach Ausgewogenheit sann. Er blieb zu keiner Zeit jemandem etwas schuldig. Daran lag ihm sehr viel. Seine Scharfsinnigkeit und das Erkennen komplexer Zusammenhänge konnte er sich bis zum Ende seines Lebens bewahren. Beeindruckt war ich von seinem anspruchsvollen Formulierungsausdruck aber auch von seiner Etikette alter Schule, die heutzutage kaum mehr anzutreffen ist. Ich habe mehrere Jahre Militärdienst in einer Fremdarmee geleistet und weiß wie wertvoll uneigennützige Kameraden sind. Im Feld wäre Dieter Peeters für mich ein guter Kamerad gewesen, auf den ich mich zu jeder Zeit blind hätte verlassen können.

Ich möchte Sie als Besucher dieser Seiten darum bitten, sämtliches hier Veröffentlichte und Niedergeschriebene nicht aus heutiger Sicht sondern aus der Zeit heraus zu bewerten.

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Von Dieter Peeters:

Als sich im Januar 2003 die Tragödie von Stalingrad zum sechzigsten Mal jährte, strahlten die Medien einige Beiträge zum Schicksal der deutschen Soldaten aus. Diese schonungslose Berichterstattung bewog mich erstmals über meine Erlebnisse in der Hölle von Stalingrad zu sprechen und zu schreiben. Mein publizierter Tatsachenbericht "Vermisst in Stalingrad" fand große Beachtung und über Deutschlands Grenzen hinaus positive Bewertungen. Ebenfalls mit dem Thema „Weihnachten in der Hölle von Stalingrad“ beschäftigte sich vor geraumer Zeit eine ins Internet eingebrachte Diskussion. Dabei wurden allerdings Tatsachen verwischt und Vorwürfe bis hin zur grenzenlosen Verachtung der Menschen, die in dieser schicksalsschweren Zeit leben mussten, ausgesprochen. Aus Sicht heutiger Generationen ist es mitunter schwierig, Verständnis für das Verhalten der Menschen unter einer diktatorischen Staatsführung aufzubringen. Viele rückschauende Betrachtungen werden oft zu einfach dargestellt und verzerren die wirklichen Verhältnisse zwischen den beiden Weltkriegen. Für eine objektive Beurteilung der Vergangenheit sollten Verhaltensweisen und Handlungen früherer Generationen nur aus ihrer Zeit heraus und den Maßstäben damaliger Möglichkeiten verstanden und bewertet werden. Deshalb sind auch aus heutiger Sicht gestellte Fragen wie: „Warum habt Ihr denn nicht protestiert?“ oder „Warum seid Ihr denn nicht emigriert oder übergelaufen?" unangebracht. Dabei wird auch völlig übersehen, wie es überhaupt dazu kam, dass die damaligen Generationen diktatorisch, totalitär manipuliert werden konnten.

Zur Vorgeschichte: Im Februar 1932 war die Arbeitslosenquote auf 30% (!) angestiegen, die Menschen hungerten und das deutsche Volk befürchtete eine weitere Bolschewisierung des Landes. Nach vierzehnjähriger politischer Instabilität in der Weimarer Republik (in dieser Zeit der Weltwirtschaftskrise wurde die Regierung zwanzig Mal ausgewechselt) wandte sich die Menschen den Nationalsozialisten zu. Mit Unterstützung der rechten Machtelite erreichte dann Adolf Hitler am 30. Januar 1933 sein Ziel. Reichspräsident von Hindenburg ernannte ihn zum Reichskanzler, obwohl zu diesem Zeitpunkt die Opposition zahlenmäßig noch überlegen war. In den folgenden Wochen präsentierte sich ein totaler Wahlkampf der Verführung, der ganz auf die Person Hitler als Heilsbringer abgestempelt war. Mit den Argumenten "Kampf gegen Arbeitslosigkeit, gegen den Marxismus und den Versailler Vertrag" erreichten die Nationalsozialisten gemeinsam mit den Deutsch-Nationalen am 5. März 1933, wenn auch mit knapper Mehrheit, ihr Ziel. Das war das Ende der Weimarer Republik.
Ich war zu dieser Zeit gerade 11 Jahre alt und noch verständnislos für das, was um mich herum geschah. An diesen Tag kann ich mich recht genau erinnern, weil bis zum Wahltag alle Fenster mit Fahnen der jeweils gewünschten Partei geschmückt waren. Am Tag, als der Sieger feststand, stellte ich auf dem Schulweg staunend fest, dass in einer mit roten Hammer/Sichel-Fahnen beflaggten Straße über Nacht ein Wechsel der Embleme erfolgt war. Alle roten Fahnen trugen jetzt dieses Hakenkreuz auf einem runden weißen Untergrund. Die zunehmende Konjunktur und der dann folgende völlige Abbau der Arbeitslosigkeit führten zu einem „Mythos“ um den Führer, welcher zusätzlich durch eine raffinierte Propaganda immer weiter gesteigert wurde. Die Bilder der inszenierten Massenaufmärsche mit begeisterten Volksgenossen sind bekannt. Zum ersten Mal seit dem ersten Weltkrieg ging es der breiten Masse wirtschaftlich wieder gut. Mit dem Reichsparteitag im Jahre 1935 (Bekanntgabe der „Nürnberger Gesetze“, Judenfrage!) kamen bei unseren Eltern erste Zweifel auf. Es bestand aber allgemein die Auffassung, dass die Juden aus Deutschland ausgewiesen würden. Zu diesem Zeitpunkt war es aber für einen Protest bereits zu spät. Nach dem Tod des Reichspräsidenten von Hindenburg hatte Hitler als Führer und Reichskanzler des deutschen Volkes seine Macht soweit ausgebaut, dass jeder Widerstand gegen das mit äußerster Raffinesse etablierte System unmöglich geworden war. Das Volk war zu diesem Zeitpunkt bereits entmachtet! Natürlich gab es damals, unbemerkt von der Masse, einige Widerstandsgruppen, die aber nur im Untergrund arbeiten konnten und keine Alternativen zu bieten hatten. Die Kommunisten, soweit sie nicht zu den Nationalsozialisten übergetreten waren, wurden vom Volk, dem es ja nicht schlecht ging, abgelehnt, zumal hier auch ein enger Kontakt zu dem noch brutaleren sowjetischen System bestand. Kirchen und weitere Oppositionelle waren zu schwach und sich uneinig über die Zukunft von Deutschland, da viele keinesfalls zur parlamentarischen Demokratie der Weimarer Zeit zurückkehren wollten. So fand sich keine Einheit für ein künftiges System. Die Rückkehr des Saarlandes, der Anschluss von Österreich und des Sudetenlandes brachten beim deutschen Volk neue Sympathiewerte. Selbst das Ausland ließ sich seit den Olympischen Spielen 1936 blenden und gab zu der Rückführung deutscher Gebiete in das Deutsche Reich sein Einverständnis.

Zum Krieg: Die angebliche Provokation Polens wurde mit einem derartigen Propagandaaufwand betrieben, dass in der Öffentlichkeit zunächst keine Zweifel aufkamen. Der Frankreichfeldzug wurde von der Allgemeinheit akzeptiert. Frankreich hatte zudem Deutschland den Krieg erklärt und unsere Propaganda hatte es mit dem Reizwort „Schandvertrag von Versailles“ leicht, das Volk von der Notwendigkeit zu überzeugen. Der Sieg über Frankreich brachte Hitler wieder einen Höhepunkt seiner Macht. Spätestens der Beginn des Russlandfeldzuges löste bei großen Teilen der Bevölkerung Besorgnis aus. Aber niemand wagte aufzubegehren. Das wäre als „Volksverrat“ mit tödlichem Ausgang geahndet worden. Wie Millionen andere wurde ich, gerade 19 Jahre alt, zu Weihnachten 1940 einberufen. Man stülpte uns eine Uniform über und befahl uns 5 Monate später nach Russland. Wir waren keine Berufssoldaten und nicht begeistert von diesem Lebenseinschnitt. Wir glaubten aber, wie Millionen andere Soldaten auch, in Russland unsere Pflicht erfüllen und unsere Heimat vor dem Bolschewismus retten zu müssen. Wir wurden darin bestärkt, als uns die Bevölkerung der Ukraine begeistert mit Blumen, sowie mit Brot und Salz wie gute Freunde empfing. Viele Ukrainer schlossen sich uns an und zogen mit uns, sogar bis nach Stalingrad. 50.000 „Hiwis“ (Hilfswillige), die mit uns marschierten und kämpften befanden sich später auch im Kessel von Stalingrad. Im weiteren Verlauf des Krieges aber zerbrach unsere Illusion vom schnellen Befreiungsschlag. Die Strapazen nahmen ständig zu und erreichten ihren traurigen Höhepunkt in der Hölle an der Wolga. In dieser Zeit ergab eine Feldpost-Auswertung der Heeres-Informationsabteilung folgende Stimmung unter den Soldaten:

a) positiv zur Kriegsführung: 2,1%
b) zweifelnd: 4,4%
c) ungläubig oder ablehnend: 57,1%
d) oppositionell: 3,4%
e) ohne Stellungnahme: 33%

Trotz dieser negativen Bilanz kam aber niemand auf den Gedanken, zum Gegner überzulaufen. Drei ehemaligen Kommunisten war es einmal gelungen, überzulaufen. Etwas später stellten wir fest, dass man sie getötet hatte. Die Russen waren ausgehungert wie wir und konnten Überläufer nicht versorgen. Das mag einer der Gründe gewesen sein. In den letzten Tagen wurde uns allen bewusst, wie eiskalt man uns belogen und betrogen hatte. Die Höchsten Tugenden: Glaube, Treue. Gehorsam und Pflichterfüllung wurden missbraucht und in den Schmutz getreten. Am Ende, als unsere Lage völlig aussichtslos wurde, ging es nur noch ums Überleben. Es war sprichwörtlich die Hölle. Etwa 300.000 Soldaten von uns wurden eingeschlossen, von denen zirka 34 000 ausgeflogen werden konnten. Ungefähr 91.000 Soldaten gingen in Gefangenschaft, von denen zwischen 5.000 und 6.000 überlebten und heimkehrten.
Ich erlebte den qualvollen Marsch der „Lebenden Toten von Stalingrad“ zum „Todeslager Beketowka“, wo allein 45.000 Soldaten elendig verreckten. In meinen Träumen höre ich manchmal die Schreie der sterbenden Kameraden. Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden. Etwas kann die Zeit nicht heilen - den Schmerz, der sich tief in der Seele eines jungen Menschen eingebrannt hat. Es war ein unwahrscheinliches Glück - ein Wunder, dass ich überleben durfte. Mutlos, verwundet oder als Krüppel nach Kampf und jahrelanger Gefangenschaft kehrten wir heim und halfen, unser demokratisches und friedliches Land, in dem wir heute alle in Freiheit leben dürfen, aufzubauen.









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