Dieter Peeters



Vermisst in Stalingrad






Ereignisse


Die hier geschilderten, jahrzehntelang verdrängten Ereignisse, hat mir Dieter Peeters in gemeinsamen Gesprächen mitgeteilt. Er kam meiner Bitte nach, einige dieser Erlebnisse für die Nachwelt niederzuschreiben, damit sie auf seiner Internetseite als erweiterte Anlage zu seinem Buch veröffentlicht werden können. Sie zeigen nur ansatzweise, was ein junger Mensch in einem Krieg erleben muss, zu dem er befohlen wurde. Gleichsam aber sollen diese schrecklichen Begebenheiten Mahnung an nachfolgende Generationen sein, Frieden zu bewahren.

Von Dieter Peeters:

> Einzelschicksal am Ende der Schlacht <

...Inzwischen hatte der Russe im Stadtgebiet von Stalingrad seine Angriffe weiter verstärkt. Hierbei bevorzugte er – abgesehen von Scharfschützen – den Nahkampf, ein Schwachpunkt von uns deutschen Soldaten. So gelang es ihm, an vielen Stellen einzubrechen und den Ring um uns immer enger zu schließen. Die aus ehemaligen Kompanien unseres Regiments noch verbliebenen Kampfgruppen mussten immer öfter zurückgezogen und erneut aufgestellt werden. Weil inzwischen keine technischen Verbindungen mehr bestanden, wurde die Koordinierung durch Melder aufrechterhalten. Man beauftragte mich, eine Gruppe, die am äußersten Flügel einige Häuserblocks weiter in Richtung Wolga in Stellung lag, über ihren neuen Standort zu informieren. Bei starkem Schneetreiben machte ich mich auf den Weg. Unterwegs traf ich einen mir bekannten Soldaten mit einem Postsack auf dem Rücken, der ebenfalls zu dieser/seiner Einheit wollte. Auf meine Frage, woher jetzt noch Post komme, klärte er mich auf. Der Sack wurde bei einem Beschuss des Verpflegungswagens verschüttet und erst jetzt wieder gefunden. Als er bei unserem Weitermarsch den Sack auf die andere Schulter wechseln wollte, rutschte er bei der Schneeglätte aus, verlor das Gleichgewicht und fiel in einen Granattrichter. Hierbei verstauchte er sich einen Fuß. Zunächst verband ich seine blutenden Schürfwunden. Da er aber nicht mehr weitergehen konnte, übernahm ich den Postsack und versprach, sofort Hilfe zu schicken. Dann machte ich mich wieder auf den Weg und kam schon bald zum Zielort.
Zwischen zwei großen Häuserruinen lag eine breite, ehemalige Einfahrt zu einer zerstörten Halle, hinter der sich ein riesiges Fabrikarsenal erstreckte. Zuerst vergewisserte ich mich, dass sich hier noch deutsche Soldaten befanden. Dann gab ich mich zu erkennen und ging, mit dem Sack auf dem Rücken zu den Wachposten, die mich inzwischen völlig eingeschneit als „Nikolaus“ empfingen. Sechs Kameraden hielten hier Wache, die mangels Munition ihre Seitengewehre (Stoßwaffe am Gewehrlauf) aufgepflanzt hatten. Ich informierte sie über ihren in der Nähe liegenden Kameraden.
Weil hier mit Feindberührung zu rechnen war, wurden zwei Soldaten abgestellt, die mich zu ihrer Gruppe geleiten sollten. Der etwas freigeräumte Schleichweg führte durch eine völlig zerstörte Halle, in der sich Stahlschrott aus Maschinenteilen, Eisenbehältern und Rohrgestänge teils bis unter die ebenfalls zerstörte Dachkonstruktion stapelten. Nach wenigen Minuten stellten sich uns in geringer Entfernung plötzlich zwei Russen, die hinter einem Stapel Stahlplatten gestanden hatten, in den Weg. Sie trugen Pelzmützen und die üblichen Watteanzüge. Auf ihre Gewehre hatten sie ebenfalls ihre Bajonette aufgesteckt. Mit Gebrüll begann einer von ihnen seine Attacke auf den links vor mir gehenden Kameraden, der seine gegen den Angreifer gerichtete Waffe in Nahkampfbereitschaft hielt. Ich warf den Postsack in Richtung des Russen. Umsonst - dieser sprang völlig unvermittelt auf unseren Mann zu und holte zu einem gewaltigen Rundumschlag aus.
Innerhalb von nur wenigen Sekunden kam es zu einem grauenvollen Einzelschicksal. Mein Begleiter hatte sich geduckt und hielt, auf dem Knie abgestützt, seine nach oben gerichtete Waffe gegen seinen Angreifer. Infolge dieser Haltung drang das Bajonett des Russen von der Seite her mit voller Wucht in seinen Kopf-Halsbereich ein. Gleichzeitig bohrte sich seine eigene nach oben gerichtete Waffe wie ein Speer in den Bauch des ihn angreifenden Russen. Offenbar hatte dieser, abgelenkt durch den Postsack, die Gefahr übersehen. Der zweite russische Soldat hatte das gegenseitige Gemetzel verfolgt und war erstarrt stehen geblieben. Dann aber setzte er zur Flucht an, verfolgt von meinem zweiten Begleiter.
Ein Blick zu meinem verwundeten Kameraden genügte. Hier war keine Hilfe mehr möglich. Sein Kopf war halb abgetrennt. Der verwundete Russe lebte noch und jammerte erbärmlich. Er muss schreckliche Schmerzen gehabt haben. Trotz meiner Wut über seine Tat, brachte ich es nicht fertig, mich von diesem Sterbenden abzuwenden. Instinktiv musste ich ihm helfen. In seinem Gepäck fand ich auch sofort, was ich benötigte: Einen weißen Leinensack, den viele Russen zur Aufbewahrung Ihrer getrockneten Brotbrocken benutzen.
Vorsichtig zog ich das Seitengewehr aus seiner stark blutenden Wunde und presste dann den eigentlich ungeeigneten, gefalteten Sack dagegen. Ich wusste, dass meine Hilfe sinnlos war. Seine Eingeweide quollen aus dem Bauch hervor.
Das Stöhnen des Russen ließ dann schnell nach, er sah mich unentwegt verzweifelt, flehentlich an. Eigentlich hätte ich ihn verfluchen müssen, aber als er plötzlich meine Hand berührte, fühlte ich, dass es sein Ende war. Wollte er um Verzeihung bitten? Für einen Moment wusste ich nicht mehr weiter, machte aber dann das, was ich bei unserem Sani und meinem Freund Peter viele Male bei Freund und Feind erlebt hatte. Ich nahm meinen Stahlhelm ab, ergriff die ausgestreckte Hand des Sterbenden und begann zu beten; Worte, die mir gerade so einfielen und dann das „Vater unser“. Als ich plötzlich bemerkte, dass ich beobachtet wurde, setzte ich trotzdem mein Gebet fort. Einige Meter entfernt, stand auf einem Maschinensockel ein Soldat. Zunächst vermutete ich meinen zweiten Begleiter. Als ich aber hochblickte, sah ich einen russischen Soldaten, der seine Pelzmütze in der Hand hielt und meine Zeremonie verfolgt hatte. Ich stutzte. Das war der Russe von unserer nächtlichen Begegnung vor einigen Wochen. Obwohl ich damals sein Gesicht nur bei spärlichem Mondlicht gesehen hatte, erkannte ich ihn sofort wieder. Unvermittelt stieß dieser einen Fluch aus, der auch das Wort „Woina“ (Krieg) enthielt. Ich verstand: Verfluchter Krieg! Seine Stimme bestätigte es mir: Er war wirklich der Soldat, der damals von mir verschont worden war. Wortlos drehte er sich um und verschwand in der Trümmerwüste. Ich weiß nicht, ob er mich auch erkannt hat oder ob er nichts gegen mich unternahm, weil er sah, wie ich mich um seinen sterbenden Kameraden bemühte. Alsdann holte ich den Postsack, der sich durch den Sturz geöffnet hatte und aus dem Weihnachtspäckchen gefallen waren. Viele davon waren aufgeplatzt und gefrorene Plätzchen und Schokolade lagen verstreut herum. Sorgfältig sammelte ich alles ein und verstaute es wieder im Sack. Trotz meines ständigen Hungers kam mir nach diesem Erlebnis nicht einmal der Gedanke, von diesen herrenlosen Einzelstückchen etwas zu nehmen. Ich wickelte eine Fußgamasche ab und verschnürte damit den Sack. Ohne weiteren Zwischenfall erreichte ich die Übriggebliebenen einer ehemaligen Kompanie: 14 Soldaten. Man hatte das Geschrei am anderen Ende der Halle vernommen und den Weg ins Visier genommen. Als man mich dann in meinem von Schnee und Blut getränkten Mantel erblickte, wollte man wissen, was mit ihren Kameraden geschehen war. Dann wurde der Postsack geöffnet. Nur wenige Päckchen fanden ihren wirklichen Besitzer. Die Adressaten der meisten Päckchen waren gefallen, verwundet oder vermisst. So wurde der gesamte Rest auf die noch Anwesenden und die Vorposten aufgeteilt, wobei man mich einschloss. In den letzten Tagen war unsere Verpflegung ständig gekürzt worden. So verschlangen wir gierig diese teils noch gefrorenen Herrlichkeiten.
Ich informierte den Führer dieser Kampfgruppe über die Frontverkürzung und Rückverlegung in der kommenden Nacht. Bei meinem Aufbruch meinte er, in meiner blutigen Schlachteraufmachung sollte ich nicht zu meinen Leuten zurückkehren. Er gab mir den Mantel seines Vorgängers, der am Tag zuvor gefallen war. Auf meinem Rückweg berührte ich wieder die Stelle des Überfalles. Dichter Schneefall hatte eingesetzt. Da die Toten bereits eingeschneit waren, zog ich beide an eine geschützte Stelle und verharrte dort eine Weile. Im Angesicht dieser Toten wurde mir erneut der ganze Wahnsinn hier bewusst. Mein Herz schrie nach Gott, aber es war sinnlos ihn anzurufen. Hier in Stalingrad war die Hölle, hier konnte es keinen Gott geben. Auf meinem weiteren Weg traf ich dann bei den Vorposten auch meinen zweiten Begleiter, der den Russen verfolgt hatte, wieder. Er hatte die Verfolgung aufgegeben und meinte dazu: „Warum sollen wir uns wie Mörder gegenseitig abschlachten? Unsere eigene Führung hat uns längst abgeschrieben. Ich werde mich jetzt nur noch verteidigen, wenn mein eigenes Leben bedroht wird.“ Als ich zu meiner Einheit aufbrach, wurde es bereits wieder dunkel. Das Schneetreiben hatte nachgelassen, aber die Kälte nahm ständig zu. Man hörte klirrende Geräusche und hatte den Eindruck, die Luft würde wie Glas zerspringen. Plötzlich war die Hölle los. Die russische Artillerie schoss aus allen Rohren. Ich hetzte durch Trümmerwüsten und sprang von Trichter zu Trichter. Zwei weitere Kameraden, die mit mir in einer Ruine Schutz gesucht hatten, verließen entgegen meiner Bedenken unseren Unterschlupf. Zwei Häuser weiter kamen sie durch einen Volltreffer ums Leben. Während einer Feuerpause gelang es mir später, den Bunker meiner Gruppe zu erreichen. In dieser letzten Januarwoche 1943 hatte der Russe mit der Auflösung des Kessels begonnen. Die Stunde unseres Untergangs rückte immer näher.





Die folgende grauenhafte Schilderung von Herrn Peeters kostete ihn nach Jahrzehnten des Schweigens und der Verarbeitung eines nie verwundenen psychischen Traumas durch das damals Erlebte unendlich viel Kraft für eine Niederschrift. Vieles wird die Nachwelt nicht erfahren, weil die Geschehnisse jegliches Vorstellungsvermögen sprengen würden. Nur wenige ehemalige Soldaten der Wehrmacht waren überhaupt in der Lage über die schlimmen Ereignisse im Russlandfeldzug zu sprechen. Und die es taten, taten es nicht, um bemitleidet zu werden sondern mit dem Gedanken, nachfolgende Generationen zum Nachdenken zu bewegen. Kriegseinsätze unter der Gefahr bleibender Versehrtheit oder gar des eigenen Todes erfolgen damals wie heute selten freiwillig. Sie werden unter Androhung harter Strafen befohlen.

Von Dieter Peeters:

> Kameradschaft bis in den Tod <

In der Nacht zum 1. Februar 1943, auf dem Todesmarsch in die Gefangenschaft, sanken die Überlebenschancen eines jeden Einzelnen von uns rapide. Bisher hatten wir hier und da eine Möglichkeit gefunden die Strapazen des Marsches ein wenig zu lindern, indem wir zum Beispiel in schützenden Kellerruinen übernachten konnten. Das war von nun an vorbei.
In dieser Nacht befanden wir uns in freier, schneebedeckter Steppe, ohne jeglichen Schutz der erbarmungslosen Witterung ausgeliefert. Seit nunmehr vollen drei Tagen ohne einen Tropfen Wasser und ohne ein Stückchen Brot waren wir Überlebenden der bitteren Kälte bei eisigem Steppenwind ausgeliefert. In dieser schlimmen Situation wurden wir von einem Temperatursturz überrascht. Das Thermometer fiel innerhalb weniger Minuten von 20 Minusgraden um weitere 10 Grad. Kurze Zeit später überschlugen sich die Ereignisse. Wir befanden uns in einem heftigen Wirbelsturm. Dabei tobte ein stechend scharfer Ostwind, der unsere geschwächten Körper nach unten in den Schnee zwang. Gleichzeitig prasselten große Eis- und Schneebrocken auf uns nieder, welche teils schwere Verletzungen bei den Männern verursachten. Dicht aneinandergedrängt, beide Arme schützend über den Kopf haltend, versuchten wir das Inferno zu überstehen. Es war die schwerste Wetterkatastrophe, die ich in acht russischen Wintern erlebt habe. Wir alle ermüdeten in dieser Schutzhaltung sehr schnell. Zu sehr haben die Anstrengungen der letzten Wochen durch Mangel an Schlaf, Nahrung und Wärme unseren ausgezehrten Körpern zugesetzt. Die Gefahr einzuschlafen war groß und so riefen einige Kameraden immer wieder zum Nächsten "Nicht einschlafen, das ist dein Tod!“. Einige begannen zu beten, viele andere schlossen sich an und niemand fand das seltsam. Die Zeit der Qualen in Schnee und Eis schien endlos. Sie wollte einfach nicht vergehen. Der Tod in diesen Momenten wurde für viele meiner Kameraden eine Erlösung.
Endlich, nach mehr als einer Stunde ließ dieser entsetzliche Eissturm nach. Wir hakten uns gegenseitig ein und rafften uns mühsam hoch. Dabei sackten viele Kameraden wieder zu Boden. Sie waren tot. Schätzungsweise hat jeder Dritte von uns die harten, lebensfeindlichen Belastungen in dieser Nacht nicht überstanden. Unsere russischen Bewacher drängten wegen der Kälte zum Abmarsch. Der aber war wegen der vielen, vielen Toten auf dem einzig begehbaren Weg in der tief verschneiten Steppe nicht möglich. So legten wir mühsam die Toten im freien Schneefeld neben dem Marschweg ab. All diese Kameraden blieben namenlos als „Vermisst in Stalingrad“ zurück. Einige Meter vor uns versperrten zwei Kameraden, die sich nicht an der Aktion beteiligt hatten, unseren Weg. Sie hockten im tiefen Schnee auf dem Boden. Zum Schutz vor der Kälte hatten sie sich einen großen Wehrmacht-Fahrermantel über ihre Köpfe gezogen und wirkten so wie ein menschliches Bündel. Als sie auf unsere Anrufe nicht reagierten, schaltete sich ein russischer Wachtposten ein und stieß mit seinem Gewehrkolben gegen das Bündel. Der teils hartgefrorene Mantel fiel zu Boden und gab den Blick auf einen schweren Klotz frei, der sich eigentümlich geräuschvoll auf die Seite legte. In diesem Augenblick bot sich ein unbeschreiblich trauriges Bild, welches uns trotz allen Elends erstarren ließ. Es handelte sich um zwei Kameraden, die sich zum Schutz vor der großen Kälte eng aneinandergeschmiegt hatten, erschöpft eingeschlafen waren und am lebendigen Leib erfroren sind. Einer der beiden hielt noch schützend seine Hand auf dem Ohr des anderen. Der tief gefrorene menschliche Fleischberg bot in der Eishölle Stalingrads das Bild eines bizarren Denkmals, eine „Kameradschaft bis in den Tod“. Dieses erschütternde Erlebnis trieb uns und selbst den hartgesottensten Männern die Tränen in die Augen. Als dann endlich der Befehl zum Aufbruch gegeben wurde, machte ich schlapp. Ich konnte nicht mehr gehen, meine Beine waren wie gelähmt. Ich bat meine beiden mir sehr nahestehenden Kameraden Peter und Paul, mich liegen zu lassen. Sie verneinten, griffen mir beide unter die Achseln und schleiften mich so durch den Schnee. Das hatte „mein russischer Soldat“ (näher beschrieben in "Vermisst in Stalingrad") beobachtet. Er kam sofort zu uns und flüsterte mir ins Ohr, dass wir mittags ein Lager erreichen werden. Das gab mir dann doch wieder ein wenig Kraft und Auftrieb. Mit letzten Kräften erreichten wir gegen Mittag tatsächlich die ersten Häuser der Ortschaft Beketowka, südlich von Stalingrad. Hier entstand in diesen Tagen das größte Kriegsgefangenenauffanglager der Sowjets, das aber schon bald den Ruf eines Todeslagers erhielt. In der Zeit meines Aufenthaltes starben hier unter unvorstellbaren Bedingungen nachweislich mehr als 45.000 (!) kriegsgefangene Soldaten. Für mich, wie für viele tausende meiner Kameraden auch, begann eine unendliche Leidenszeit, über die ich in meinem Buch "Vermisst in Stalingrad“ berichtete.





Dieter Peeters berichtet auch über das Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen, die wie ein Wunder das Todeslager überlebten. Dabei blieben Antworten zu Fragen offen, die ihm von Angehörigen ehemaliger Stalingradsoldaten gestellt wurden. Dies gab Anlass zu einer ausführlicheren Darstellung.

Von Dieter Peeters:

> Überleben in russischer Kriegsgefangenschaft <

…Für mich war es ein unerklärliches Phänomen: Ich war einer der Wenigen, der die Hölle im Kessel und das Grauen in einem russischen Todeslager als wandelndes Skelett überleben durfte. Nachdem man uns, die Übriggebliebenen wieder zu menschlichen Wesen und damit auch zu Arbeitskräften hochgepäppelt hatte, befand ich mich um die Jahreswende 1943/44 auf dem Weg nordwärts in Richtung Ural. Anstelle der üblichen Viehwaggons erfolgte der Transport zum ersten Mal in Personenzugwaggons. Allerdings waren diese umgebaut und normalerweise für russische Strafgefangene vorgesehen. Hier waren in den einzelnen Abteilen durch Querbretter mehrere Ebenen entstanden, wobei sich drei Liegeplätze für jeweils zwei Gefangene ergaben. Am Kopfende fehlten die Fenster, am Fußende war anstelle einer Tür ein verschließbares Gitter montiert. Da man bei der geringen Höhe nur flach liegen konnte, wurden bei der Suppenausgabe zwei Querbretter am Fußende entfernt. Die Gefangenen der oberen Ebenen konnten so auf die unterste klettern, wo sechs Gefangene eines Abteils auf dem Boden sitzen konnten. Am Tag vor Neujahr wurde unser Zug auf ein Abstellgleis gestellt. Jedes Abteil erhielt für sechs Gefangene einen Salzfisch als Verpflegung. Die russischen Posten waren in Eile, so dass kein Brot und Wasser ausgeteilt wurde. Unsere Bewacher waren plötzlich verschwunden, nachdem sie das Feuer in den Öfen auf den Plattformen gelöscht hatten. Der stark gesalzene Fisch zeigte Wirkung. Schon bald quälte uns ein unerträglicher Durst. In der Ferne hörten wir Musik. Die Russen feierten den Jahreswechsel. Verzweifelt riefen wir nach der Wache, aber niemand hörte uns. Es wurde Nacht. Wir Gefangenen schrien, tobten und trommelten in unserer Not gegen die Waggonwände. Es war alles umsonst. Niemand hörte uns. Unsere Bewacher kamen erst am Mittag des nächsten Tages betrunken und aggressiv zurück. Auf unsere Bitten nach Wasser schütteten sie es eimerweise durch die Gitter auf uns. Völlig durchnässt froren wir erbärmlich bei dieser großen Kälte. Bereits stark geschwächt, kam es wenige Stunden später bei einigen Kameraden und auch bei mir zu Fieberanfällen. Ein herbeigeholter russischer Arzt verordnete für alle Gefangenen heißen Tee. Als sich der Zug wieder in Bewegung setzte, trat endlich die erhoffte Ruhe ein. In dieser eintönigen Enge aber, überkam es mich wieder – dieses Gefühl der Demütigung, des Ausgeliefertseins und der hoffnungslosen Hilflosigkeit. Bereits in Stalingrad lebte jeder Einzelne von uns am Rande des Todes, nun vegetierten wir wie Schlachtvieh in den engen Holzkäfigen. Immer wieder hielt der Zug an. Manchmal standen wir stundenlang auf einem Abstellgleis. Unsere Notdurft durften wir nur auf Befehl der russischen Posten und nur bei einem Aufenthalt in der Nacht verrichten. Endlich, nach etwa zwanzig Tagen kam die Erlösung: Als plötzlich unter unseren Bewachern ein unruhiges Treiben ausbrach, die kleinen Öfen gelöscht wurden und die Soldaten ihre Uniformmäntel anzogen, war klar: Wir näherten uns dem Ziel. Nachdem der Zug angehalten hatte, wurden die Eisengitter am Fußende unserer Käfige entfernt. Unter großer Anstrengung krochen wir hinaus, wie üblich zunächst unfähig, aufrecht zu stehen oder zu gehen. Die Russen kannten das Trauerspiel und gaben uns etwas Zeit, bis sie uns dann zum Ausgang schoben. Es war tiefschwarze, eiskalte Nacht. Unsicher auf den Füßen, rutschten wir über die Wagenstufen in den tiefen Schnee. Vor den Waggons mussten sich alle Gefangenen in Viererreihen aufstellen. Hierbei fiel auf, dass der Zug beträchtlich an Länge zugenommen hatte. Bei den ständigen Aufenthalten waren weitere Waggons mit Kriegsgefangenen angehängt worden. Und noch etwas war zu beobachten: Einige Bewacher trugen keine Uniformen. Sie hatten Knüppel in den Händen, um sich wohl Respekt zu verschaffen. Später erfuhren wir, dass es sich um lebenslänglich Verbannte handelte. Die erbärmliche Kälte brachte viele von uns in große Nöte. Einige Kameraden baten die Posten aus den Reihen treten zu dürfen, um ihre Notdurft zu verrichten. Dies wurde verweigert. So kam es, dass das Wasser vor Schmerz nicht mehr gehalten werden konnte. Fluchend machten sie sich in die Hose. Dies wiederum veranlasste andere, ohne Rücksicht auf Kameraden und Bewacher an Ort und Stelle zu urinieren. Das Wachpersonal geriet in Rage und machte von seinen Knüppeln Gebrauch. Ein unbeteiligter junger Kamerad, der sich gerade vom Nebenwaggon zu uns gemogelt hatte, wurde von einem Zivilwächter unglücklich am Kopf getroffen. Er glitt zu Boden. Als ich ihm wieder auf die Beine half, schaute mich der Bewacher irritiert-betroffen an. Er kramte eine Machorka (selbstgedrehte, russische Zigarette) hervor und übergab mir diese mit einem Hinweis auf den Verletzten. Ich empfahl dem Kamerad, seine Gesichtshälfte mit Schnee zu kühlen. Als dieser mir dann über seine Schwierigkeiten mit seinen Kameraden vom anderen Waggon berichten wollte, wurde er von einem Befehl, der vom Wachpersonal durchgerufen wurde, unterbrochen. "Proverka!" (Zählung) ertönte es laut durch die Nacht. In den Folgejähren löste dieses Wort einen Schauder unter uns Kriegsgefangenen aus. "Proverka" war ein Ritual bösartiger Schikanen und oft unmenschlicher Strapazen. Eine hier zunächst beabsichtigte Kontrolle zur Waggonbelegung wurde nach mehrfachen Versuchen abgebrochen. Wir hatten uns längst untereinander vermischt. Infolge der Kälte drängten sich alle aneinander, um so die letzte Körperwärme zu erhalten. Eine Gesamtzählung über die Länge des ganzen Zuges erwies sich nach vielen Ansätzen ebenfalls als unmöglich. Die Hektik der Bewacher steigerte sich. Immer aufgeregter liefen sie brüllend unsere Reihen entlang, ohne jedoch zu einer Entscheidung zu kommen. So vergingen für uns mehr als zwei qualvolle Stunden. Inzwischen hatte ein starkes Schneetreiben eingesetzt. Unsere Kleidung begann zu vereisen. Vor Kälte zitterten wir am ganzen Körper. Als die ersten Gefangenen schlapp machten, entschlossen sich die Russen endlich zum Aufbruch. Offenbar war es doch wichtiger, alle Gefangenen noch lebend im Lager abzuliefern. Mühsam und mit allerletzter Kraft kämpften wir uns, teils im Gänsemarsch, durch tiefen Schnee. Jeder war erleichtert, als schon bald das Lager erreicht wurde.

Lager Wolosniza

In diesem ehemaligen Gulag für russische Straftäter sollten wir die nächsten Jahre verbringen. Dieser Ort liegt an den westlichen Ausläufern des Nordurals. An unsere Ankunft und die erste Nacht in diesem Lager kann ich mich noch gut erinnern. Mit 40 Mann waren wir einer Baracke zugewiesen worden. Hierin befanden sich rechts und links neben einem etwa drei Meter breiten Mittelgang doppelstöckige Holzpritschen, deren Breite für fünf Liegeplätze vorgesehen war. In der Mitte des Raumes befand sich auf dem Gang ein Kamin, an dem ein Kanonenöfchen angeschlossen war. Wärme konnte nur im Umkreis von etwa drei Metern wahrgenommen werden. Mit etwas Glück hatte ich den äußeren Platz einer Pritsche erwischt, so dass ich nur einen Nebenmann hatte. Die schmutzigen, teils blutbefleckten Bretter ließen auf Ungeziefer schließen. Den Platz neben mir hatte der junge Kamerad eingenommen, dem ich nach unserer Ankunft und dem Zwischenfall mit dem russischen Posten behilflich war. Seitdem wich er nicht mehr von meiner Seite. Wir hatten kaum unsere Habseligkeiten auf dem zugeteilten Schlafplatz abgelegt, als ein dröhnendes Geräusch ertönte. Dieses Geräusch wurde durch einen Hammer ausgelöst, der auf ein hängendes Schienenstück geschlagen wurde. „Essen fassen!“, hieß es. Wir ließen alles liegen und stürmten nach draußen. Barackenweise wurde das Essen ausgegeben: Eine dünne Kohl-Wassersuppe und etwa 200 Gramm dunkles, nasses Brot. Bei der Ausgabe kam unsere Baracke als eine der letzten an die Reihe. Instinktiv trank ich diese Suppe sofort aus und verschlang das Brot auf dem Rückweg zur Unterkunft. Gerade dort angekommen, wurde erneut Alarm geschlagen: "Raustreten zur Proverka!" Wieder mussten wir hinaus in die Kälte. Die meisten von uns hatten noch nichts gegessen. Diese Proverka war für mich ein unvergesslicher Akt menschlicher Demütigung, die zum Sadismus ausartete. Stundenlang standen die Kriegsgefangenen, teils nur notdürftig bekleidet, bei einer Kälte von mehr als 20 Grad Minus im Freien. Es wurde gezählt, und immer und immer wieder gezählt. Währenddessen durchsuchten einige russische Zivilbewacher in den Unterkünften unsere persönliche Habe nach für sie brauchbar erscheinenden Dingen. Wegen bereits zahlreicher „Filzungen“ (Leibesdurchsuchungen) seit der Gefangennahme verschwand nun auch noch der letzte Rest privaten Eigentums auf Nimmerwiedersehen. Man gab diesen Gaunern für ihr übles Treiben auch recht viel Zeit. Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Wachoffizier diesem Spektakel endlich ein Ende setzte. In der Baracke erwartete uns ein Chaos. Suppengefäße waren umgestoßen und Brotportionen mitgenommen. Viel Zeit verging, bis die noch vorhandenen Habseligkeiten wieder bei den Besitzern landeten. So konnten die meisten von uns nach den vielen Strapazen nicht einmal ihren Hunger stillen. Todmüde streckten wir uns auf den kahlen Brettern nieder. Es gab keine Strohsäcke als Unterlage und keine Decken, die wenigstens etwas gewärmt hätten. So zogen wir unsere noch feuchten Jacken über den Kopf. Unsere Schuhe fanden aus Angst vor Diebstahl am Kopfende Platz. Manch einer benutzte sie als Kopfkissen.
Diese Verhältnisse änderten sich erst nach Kriegsende 1945. Als die ersten Nachkriegsgefangenen eintrafen, erhielten wir erstmals Decken und Strohsäcke für unser Nachtlager. Vollkommen abgewirtschaftet schliefen wir in dieser ersten Nacht in der neuen Bleibe ein. Doch schon bald störten Flöhe und Wanzen unseren Schlaf. Später wachte ich durch ein Geräusch auf. Es kam von dem jungen Kamerad (Name vergessen) neben mir. Er hatte seine Jacke über den Kopf gezogen und weinte hemmungslos. Ich stieß ihn an und fragte nach dem Grund. Nun erfuhr ich seine teils verworrene Geschichte: Er war mit 18 Jahren eingezogen worden. Durch Beziehungen seines Vaters, angeblich eines Konsuls, kam er nach seiner Ausbildung nicht zur kämpfenden Truppe, sondern zu einer Organisation, die als Begleitschutz für Versorgungsgüter nach Russland eingesetzt wurde. Nach seiner Ankunft am Zielort sei er jedoch einer Einheit zugeteilt worden, die auf dem Weg zur Front war. Bei seinem ersten Einsatz in einem Spähtrupp kam dieser in einen Hinterhalt und er mit seinen Kameraden in russische Gefangenschaft. Er war nun der irrsinnigen Ansicht, nicht als Kriegsgefangener behandelt werden zu dürfen, weil er versehentlich unter die kämpfende Truppe geraten sei. Er bildete sich ein, sein Fall sei auf diplomatischem Weg zu lösen, indem russische Diplomaten mit denen sein Vater befreundet sei, eingeschaltet werden. Ich machte ihm klar, dass die meisten von uns nicht freiwillig nach Russland gekommen sind. Doch es war umsonst, ich konnte ihn nicht von seinen Illusionen befreien. Jetzt verstand ich, warum ihn seine bisherigen Kameraden gehänselt und "Spinner" genannt hatten.
Am nächsten Vormittag erfolgte die erste Gesundheitsinspektion, für uns wie auf einem Viehmarkt eine reine Fleischbeschau. Diese bestand aus einem Kniff in eine Pobacke, wobei je nach Beschaffenheit des Fleisches - stramm/schlaff/ohne - eine Einstufung in Arbeitskategorien erfolgte. Hierbei ergab sich auch die Festlegung des zuständigen Arbeitslagers. Diese Kontrolle, von den Russen nur kurz als "Inspektion" bezeichnet, wurde von männlichen und weiblichen Personen durchgeführt, wobei zu bezweifeln war, dass es sich immer um ausgebildete Ärzte handelte.
Infolge der Neuzugänge war der Andrang an diesem Tag besonders groß und es wurden viele "Kontrolleure" eingesetzt. Plötzlich brach in einer Ecke ein lauter Tumult aus. Es ging um meinen Pritschennachbarn, den die Inspektoren wegen seines noch kräftigen Körperbaus in die Kategorie für Schwerstarbeiten eingestuft hatten. Er protestierte lauthals und tobte schließlich so heftig, dass er abgeführt werden musste. Am folgenden Tag wurden wir informiert, dass er im Karzer tot aufgefunden wurde. Selbstmord? Für mich war das unfassbar aber ein Sanitäter der Krankenbaracke bestätigte mir später, dass er den Toten gesehen habe. Nach der Inspektion erfolgte eine, angeblich dem Klima und der Arbeit angepasste Neueinkleidung für alle Gefangenen. Wir erhielten Filzstiefel mit undichten Sohlen, die man mit Einlagen aus Papier oder Stroh abgedichtet hatte, sowie Wattejacken und -hosen, die in einem erbärmlichen Zustand waren. Herunterhängende Stoff-Fetzen ließen darauf schließen, dass es sich um abgesetzte Bekleidung russischer Strafgefangener handelte. Später brachten wir in Erfahrung, dass die für uns bestimmte Bekleidung von korrupten Beamten verschoben wurde. So war es unser Los, uns als Lumpenproletarier präsentieren zu müssen. Wir befanden uns hier im Hauptlager, dem weitere Arbeitslager in tiefer Waldeinsamkeit unterstellt waren. Von den neu aufgestellten Arbeitsbrigaden wurden einige auf die Außenlager verlegt. Ich verblieb zunächst in diesem Hauptlager. Die tägliche Arbeitszeit betrug zehn Stunden, zusätzlich langer Fußmärsche zur jeweiligen Arbeitsstelle. Jeder zehnte Tag sollte ein Ruhetag sein, was manchmal "übersehen" wurde. Militärs waren unsere Bewacher. Russische Strafgefangene in zivil wurden in den ersten Jahren als unsere Natschalniks (Vorgesetzte) eingesetzt. Für uns deutsche Kriegsgefangene galten die gleichen Vorschriften und Arbeitsnormen wie für russische Straftäter und für alle Arbeiten gab es Normen, in denen das im Tagesablauf zu erreichende Soll festgeschrieben war. Nichterfüllung hatte Abzug bei der Brotration zur Folge.
In dieser Gegend dauerte der Winter neun Monate, in den übrigen Monaten war es aber auch recht kalt. Ich habe hier jahrelang keinen richtigen Sommer erlebt. Bei jedem Wetter mussten Bäume gefällt werden, wobei wir Laien oft in lebensgefährliche Situationen gerieten. Jeweils zwei Mann mussten mit großen Bügelhandsägen die Stämme auf drei Meter Länge schneiden. Das war für viele von uns körperlich geschwächten Männern eine ungewohnte, fast nicht zu bewältigende Knochenarbeit. Wer dort versagte, wurde als Träger eingesetzt. Die zugeschnittenen Stämme mussten von jeweils zwei Personen auf der Schulter über weite Strecken zum Stapelplatz oder direkt zur Verladung auf Waggons geschleppt werden. So muss es zur Sklavenzeit zugegangen sein. Die schweren Arbeiten wurden ausschließlich durch menschliche Arbeitskraft, ohne Technik ausgeführt. Nachdem ich zwei Wochen als Träger gearbeitet hatte und meine offene, blutige Schulter kein Tragen mehr zuließ, brach ich unter schwerer Last zusammen. Ich kam ins Lazarett und anschließend in ein Erholungslager. Über Jahre hinweg vollzog sich bei mir dieser Teufelskreis: Arbeitsfähiger/Dystrophiker (Dystrophie = krankhafte körperliche Veränderungen durch Mangelernährung, die in russischer Kriegsgefangenschaft häufig zum Tode führten). So ergab sich fast monatlich ein Wechsel zwischen Arbeits- und Erholungslager. Im so genannten Erholungslager musste ich in der Wäscherei arbeiten. Unsere Erwartungen, nach Ankunft in Wolosniza als normale Menschen leben zu dürfen, erfüllten sich leider nicht. Das mag daran gelegen haben, dass zu dieser Zeit der Krieg noch nicht beendet war. So war es unser Schicksal, weiterhin Leiden und Demütigungen ertragen zu müssen. Für mich sollte dieser Prozess andauern, bis ich drei Jahre später in den Kaukasus verlegt wurde. Dort erlebte ich einen Wendepunkt in meinem Dasein als Kriegsgefangener: Ich wurde nach vielen Jahren endlich wieder wie ein Mensch behandelt.





In seinem Buch „Vermisst in Stalingrad“ berichtet Herr Dieter Peeters über einige seiner Erlebnisse während der Kämpfe um die Stadt an der Wolga und über den unmenschlichen Marsch nach Beketowka, dem damals größten russischen Kriegsgefangenenauffanglager. Er überlebte dort acht Monate unter schwierigsten Bedingungen, was zurzeit seines Aufenthaltes mehr als 40.000 Gefangenen nicht vergönnt war. Eine Zeitzeugenveröffentlichung hatte seine Erinnerung an eine traurige Geschichte, welche er als 22jähriger Kriegsgefangener im Lazarett von seinem Pfleger erfahren hat, geweckt und dazu bewogen, zu berichten.

Von Dieter Peeters:

> Gefangenentransport in den Tod <

Im Todeslager Beketowka war ich mit unfassbarem Glück dem Tod mehrmals entronnen. Ende August 1943 hatten wir den Eindruck, dass die russische Führung nach dem Massensterben der vergangenen Monate die letzten noch lebenden Stalingradgefangenen am Leben halten wollte. Dies erforderte eine Behandlung in normalen Lazaretten für Schwerkranke. So entkam ich im September 1943 diesem Todeslager und wurde als wandelndes Skelett verlegt. Die Fahrt in Viehwaggons führte zuerst in Richtung Moskau und dann weiter über Gorki (seit 1990 Nischni Nowgorod) in nordöstliche Richtung. Das Lazarett befand sich in Linda. Ich verdanke es einer jüdischen Ärztin, dass ich dort wieder zu einem menschlichen Wesen wurde. Unter dem Personal befand sich der Pfleger Alex, dem ich ebenfalls viel zu verdanken habe. Nach unserer Ankunft, als es mir noch sehr schlecht ging und mein Körper keine normale Nahrung aufnehmen konnte, hat er mich nach Anweisung der Ärztin versorgt. Seine Nachtwachen verbrachte er oft an meinem Krankenbett. So entstand zwischen uns eine Freundschaft mit gegenseitigem Vertrauen. Was die meisten nicht wussten: Alex war Wolgadeutscher und er sprach mit mir deutsch, wenn wir ungestört waren. Ich erfuhr von ihm, dass seine Angehörigen im August 1941 nach Sibirien umgesiedelt wurden. Er war mit einer Russin verheiratet, die ebenfalls in diesem Lazarett als Krankenschwester arbeitete. Als ich mich einmal lobend über die gute Behandlung in diesem Lazarett aussprach, meinte Alex: „Das ist eine kleine Wiedergutmachung an dem übrig gebliebenen Rest der ursprünglich 100.000 gefangenen Soldaten. Anschließend vertraute er mir ein Geheimnis an, von dem niemand wissen durfte und womit er sich durch Preisgabe selber in Gefahr brachte. Er erzählte mir folgende traurige Begebenheit:
„Die Mutter meiner Frau wohnte im März 1943 in einem Dorf, das in der Nähe der Eisenbahnstrecke östlich von Kirow lag. Dort arbeitete sie in einer Kolchose (landwirtschaftlicher Betrieb), als sie und weitere Frauen eines Tages für eine andere Aufgabe unter größter Geheimhaltung dienstverpflichtet wurden. Die Frauen stattete man mit Schaufeln aus und führte sie zu einer Ausweichschleife der Bahnstrecke. Hier beauftragte man sie, entlang der Schienen tiefe Gräben auszuheben. Am nächsten Tag stand ein Zug mit Güterwaggons auf diesem Gleisabschnitt. Als dessen Türen geöffnet wurden, bot sich den Frauen ein Bild des Grauens. Alle Waggons waren prall gefüllt mit den Leichen deutscher Soldaten. Ein schrecklicher Geruch von Verwesung, Blut und Exkrementen breitete sich weit über das gesamte Gelände aus. Man vernahm auch noch Laute aus den Waggons. Es gab also noch Überlebende zwischen diesen toten Körpern.
Nun wurden Seile, Mistgabeln und Schürhaken verteilt. Hiermit sollten die Körper aus den Waggons gezogen und in die ausgehobenen Gräben transportiert werden. Bei einem der Körper hatte sich das am Fuß befestigte Seil an der Schiebetür verklemmt. Der Soldat stieß einen leisen Schrei aus, als er mit dem Kopf nach unten hing. Meine Schwiegermutter befreite ihn. Gemeinsam mit einer weiteren Frau legten sie ihn auf den Boden Es war ein sehr junger Soldat, vielleicht höchstens 17-18 Jahre alt. Die Frau schrie laut auf, als dieser Junge plötzlich seine Augen öffnete, sie groß ansah und stammelte: „Ma-ma, hilf mir!“. Das war zu viel für sie. Sie brach in einen Weinkrampf aus und war nicht mehr zu beruhigen. Inzwischen waren weitere Frauen hinzugekommen. Sie baten den Vorarbeiter, den offenbar nicht verletzten Jungen mit ins Dorf nehmen und versorgen zu dürfen. Das wurde von einem Natschalnik (russ. Bezeichnung für Chef, Vorgesetzter) abgelehnt. Ein Vorarbeiter warf dann den Jungen in den Graben zu den Leichen. Die Frauen stießen auf noch weitere lebende Soldaten. Man zwang sie, diese gleichfalls mit den Toten lebendig zu begraben. In den folgenden Tagen kamen weitere Güterzüge an, die in gleicher Weise abgefertigt wurden. Spätere Prüfungen ergaben, dass es sich nur um Stalingradsoldaten gehandelt hat. Als die Kriegsgefangenenauffanglager um Stalingrad überfüllt waren, hat man die Gefangenen zügig in Viehwaggons verladen Es gab zu diesem Zeitpunkt kaum eine Möglichkeit zum Abtransport, weil die Bahnstrecken nordwärts entlang der Wolga zerstört waren oder man diese für den dringenden Eigenbedarf nutzte. So wurden diese Züge mit den Kriegsgefangenen je nach Erfordernis hin- und hergeschoben. Schließlich fühlte sich niemand mehr zuständig. Die Soldaten bekamen wochenlang nichts zu essen und nichts zu trinken. So verdursteten, verhungerten oder erfroren sie erbärmlich in diesen verschlossenen Waggons. Soweit der Bericht von Alex, meinem wolgadeutschen Pfleger. Wer den Befehl für die Art der Transporte gab, konnte im Nachkriegschaos von Stalingrad wohl nicht mehr eindeutig festgestellt werden.
Für mich war klar, dass ich darüber nach meiner Heimkehr schweigen musste, um Alex und weitere Zeugen nicht zu gefährden. Da aber diese grauenvollen Ereignisse inzwischen auch aus anderen Quellen bekannt geworden sind und alle Zeitzeugen mit Sicherheit verstorben sind, ist mein Schweigen nicht mehr erforderlich. Es hat mich sehr berührt, dass ich wider aller Wahrscheinlichkeit nicht nur acht Monate in einem der russischen Todeslager im Süden Stalingrads überlebt habe, sondern dass ich auch den dreiwöchigen, unmenschlichen Transport über die gleiche Strecke im Viehwaggon zum Lazarett überlebt habe, der zuvor im März für tausende Kriegsgefangene ein grauenhaftes Todesurteil bedeutete.








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