Stalingrad - Bilder einer erbitterten Schlacht

Stalingrad - Bilder einer erbitterten Schlacht

Der Kampf um Stalingrad in einer Dokumentation von Bildern, Fotos, Karten, Filmen, Plänen, Berichten und Beschreibungen.

 

 

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Schauplatz des Todes an der Ostfront

 

Nachdem man den Beginn der deutschen Sommeroffensive des Jahres 1942 wegen schlechten Wetters mehrmals verschoben hat, ist es Ende Juni endlich soweit. Die Regenfälle haben aufgehört, die warme Sommersonne der Ukraine hat die schwarze Erde getrocknet und Staub tritt nun an die Stelle von Schlamm. Das Wetter ist hochsommerlich warm und die Sonne brennt erbarmungslos vom wolkenlosen Himmel. Die Wege sind in riesige, dunkelbraune Staubwolken gehüllt.

Das Gebiet, in dem sich von Juli bis Anfang September 1942 die ersten Etappen der Schlacht um Stalingrad abspielen, gehört mit seinem westlichen Teil noch zur Ukraine; östlich davon breitet sich die Don- und Kalmückensteppe aus. Fast tausend Kilometer weit erstreckt sich hier im Süden der Sowjetunion diese unfruchtbare Steppe, die im Westen kurz hinter Woroschilowgrad (Lugansk) beginnt und sich im Osten bis Kasachstan ausdehnt. Der Boden der Steppe besteht aus einem salzhaltigen Sand-Lehmgemisch und wird ab und zu von Wermutstauden bedeckt. Die Einöde zieht sich endlos bis zur grauen Ferne, in der Himmel und Erde ohne Übergang miteinander verschmelzen.

In der Steppe befinden sich vereinzelt Kolchosen und weit auseinander gezogene Dörfer mit niedrigen Lehmhütten. Die Haupterwerbsquelle der Bewohner ist die Viehzucht. Das Gelände fällt von Westen nach Osten leicht ab. Nur selten wird das Ödland durch Wasserläufe unterbrochen und die größeren Flüsse bilden freundliche Landschaftsstreifen durch die Einöde. So besitzt der Don ein bis zu 10 Kilometer breites Tal, in dem ausgedehnte Auwälder weite Strecken des niedrigen linken Ufers begleiten. Es ist übrigens der einzige Holzbestand des ganzen Gebietes. Auch hier, typisch wie bei allen Flüssen Südrusslands, ist das Westufer des Don 150 Meter höher als die östliche Uferseite. Am Westufer liegen streckenweise auch hübsche Berglandschaften, an deren Hänge sich Dörfer mit Weinbergen schmiegen. Der Strom hat neben dem etwa 200 bis 300 Meter breiten Hauptarm an vielen Stellen Nebenarme, Altwasser und Inseln.

Außer den Wassersäulen tragen so genannte Balkas (Erosionsspalten und -rinnen, die sich in feiner Verästelung von den größeren Flüssen bis dicht an die höchsten Erhebungen des Geländes hinaufziehen) zur Abwechslung in der Einöde bei. Auch in diesen, oft grünen Balkas liegen reizvolle Ortschaften mit üppigen Gärten - eine Landschaft für sich, geborgen vor der Steppe und geschützt gegen die mörderischen Burani (Winterstürme). Man entdeckt diese verträumten Dörfer erst, wenn man direkt am Rand der Schluchten steht, sonst wandert das Auge über die unendliche Weite. Diese Balkas mit ihren steilen Wänden werden unüberwindliche Hindernisse für jede motorisierte Truppe mit all ihren Fahrzeugen und Panzern.

In der tristen Ebene erheben sich unzählige Kurgane, einige Meter hohe Hügelgräber aus grauer Vorzeit, wie sie über ganz Südrussland verstreut sind.

In jedem Frühjahr verwandelt sich die Steppe in ein duftendes Blumenmehr von seltener Schönheit. Sobald jedoch im Sommer das Steppengrad unter der sengenden Sonne verdorrt, nimmt die Landschaft eine bräunliche Färbung an. Die hellen Wurzeln des Steppenkrautes stechen hervor und kräuseln sich unter der dünnen Oberfläche des zerrissenen, erstarrten Grundes, der nie eine Pflugschar gesehen hat.

Diese baum- und schattenlose Ebene, die tiefen Staubwege, die heißen Sandstürme, Hitze von über 50 Grad, dazu trügerische Luftspiegelungen, Steppenbrände und vor allem der Wassermangel wirken auf einen Mitteleuropäer recht deprimierend. Es gibt hier fast keine Abenddämmerung mehr, nur im Sommer, etwa gegen 20 Uhr, hört der Tag ganz plötzlich auf und eine stille, warme, sternklare Nacht folgt.

Die im Sommer unvermittelt einsetzenden wolkenbruchartigen Gewitterregen verwandeln in kurzer Zeit Bäche in Flüsse, Schluchten in rauschende Wasserläufe und Wege in zähen Schlamm.

Die Verkehrsverbindungen in diesem Gebiet sind recht dürftig. Von Stalingrad nach Astrachan am Kaspischen Meer führen längs der Wolga eine Bahn und eine Straße. Eine andere Autostraße, die in Diwnoje beginnt, geht von Krestny ostwärts über Elista und Utta nach Astrachan. Der übrige Verkehr bleibt bei Regen schnell im Schlamm stecken.

Die Winde, die im Herbst tagaus, tagein wehen, reißen die kugelförmig wachsenden Steppensträucher aus dem Boden und jagen sie über die endlose Öde. Diese stacheligen Kümmelblumen nennt man nach alter Überlieferung "Hexen". In wildem Wirbel jagt der Wind die Steppenhexen, in gespenstischem Spiele sich vereinend und wieder trennend über das karge Land.

Brennholz ist hier, wo es keine Gehölze gibt, kaum zu beschaffen. Als Ersatz dient getrockneter Mist der Weidetiere. Von August an, wenn die Vegetation zu verdorren beginnt, wird auch die Versorgung der Pferde schwierig, da die Kalmücken keine Heuvorräte anlegen.

Der Winter ist in dieser trostlosen weißen Öde durch das Fehlen von Brennholz bei Kälte von minus 40 Grad und Temperaturstürzen von über 20 Grad innerhalb weniger Stunden selbst für die abgehärteten Einheimischen schwer zu ertragen. Die oft viele Tage anhaltenden Nordoststürme setzen besonders im Gebiet zwischen Don und Wolga so plötzlich und mit solcher Wucht ein, dass auf Flugplätzen sogar Maschinen fortgerissen werden. Zwischen den Dörfern besteht ein Warndienst, damit Menschen und Vieh sich auf den Burani einstellen können.

Die Verlorenheit der östlichen Weite hat gerade im Herbst und Winter etwas Erdrückendes. Und dieses unheimliche Gefühl wird noch vertieft durch die früh hereinbrechende Dunkelheit. Da die Wehrmacht die heimatliche Uhrzeit beibehält, geht für die Soldaten die Sonne bald schon nach Mittag unter und zwischen 14 und 15 Uhr ist es bereits dunkel.

Das Gebiet wird in etwa nordsüdlicher Richtung von zwei mächtigen Strömen durchflossen, dem Don, dessen Bett sich in Mäandern bis nach Rostow am Asowschen Meer windet, und weiter östlich von der Wolga. Nur ein ganz kurzes Stück fließen die beiden Ströme in einem Abstand von etwa 45 Kilometern parallel, um sich dann wieder zu trennen, bis sie ihre weit voneinander entfernten Mündungsgebiete erreichen.

Das Wolgatal liegt schon ab Kasan unter dem Einfluss des trockenen, kalten Steppenwindes aus Asien, der aber durch warme Südwinde bedeutend gemildert wird. Bereits Zar Peter der Große hatte sich mit dem Plan getragen, quer durch die Landenge zwischen Wolga und Don einen Kanal zu treiben. Die Arbeit wurde zwar angefangen, bald jedoch wieder aufgegeben. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg verwirklicht man die Idee Peters des Großen. In nordsüdlicher Richtung zieht sich zwischen den beiden Flüssen eine 1000 Kilometer lange und 150 Meter hohe Geländestufe entlang; das westliche, so genannte Bergufer der Wolga.

Auf dem Breitengrad von Paris von Steppe umgeben, liegt auf diesem Bergufer der Wolga Stalingrad, ehemals Zarizyn, nach dem in der Stadt fließenden Flüsschen Zariza benannt. Kilometerlang ziehen sich Gärten voller Pflaumen- und Mandelbäume, die im Herbst häufig zum zweiten Mal blühen, wie ein grüner Gürtel um die Stadt. Auf den Feldern der Kolchosen glänzen Abertausende von Arbusen (rundliche, dunkelgrüne Wassermelonen).

Als Iwan der Schreckliche das Land um die Mitte des 16. Jahrhunderts eroberte, entstand hier Zarizyn. Stenka Rasin, der berühmte Rebell und Kosakenataman, bemächtigte sich ihrer im Jahre 1670 und später, während des Aufstandes unter Jemeljan Pugatschew gegen Katharina die Große, fanden hier blutige Kämpfe statt.

Über drei Jahrhunderte lang bleibt Zarizyn ein unbedeutender Ort an der Grenze eines weiten Steppengebietes. Erst Ende des 19. Jahrhunderts, als sich der Bergbau im Donezbecken und die Ölförderung im Kaukasus zu entwickeln beginnen, gewinnt die Stadt an Bedeutung. Nur 45 Kilometer westlich von Zarizyn nämlich befindet sich der östlichste Punkt des Donbogens und die beiden Flusshäfen Zarizyn an der Wolga und Kalatsch am Don werden nun durch einen Schienenstrang miteinander verbunden. Auf diese Weise befördert man das von der oberen Wolga und der Kama geflößte Holz zum Donezbecken, wo es hauptsächlich als Grubenholz Verwendung findet. Den umgekehrten Weg nimmt die von den Wolgaschiffen transportierte Kohle für Moskau sowie für die Schwerindustrie am Ural. Bald sind die Öltransporte aus Baku und Grosny die wichtigsten Güter, die über die Wolga nach Norden oder über den Don in westlicher Richtung verschifft werden.

Als im Jahre 1875 eine französische Firma das erste Stahlwerk in dieser Region erstellt, ist die Stadt noch ein chaotisches Gewirr primitiver Holzhäuser.

Im Bürgerkrieg der bolschewistischen Revolution wird Zarizyn mit einem Male zu einer strategischen Schlüsselstellung, da das Land an der Wolga einen Keil zwischen den beiden in Südrussland und von Sibirien aus operierenden antibolschewistischen Armeen bildet. Etwa anderthalb Jahre hindurch stürmen zunächst die Donkosaken des Generals Krasnow, dann die Reiter des Generals Wrangel gegen Zarizyn. Der Oberbefehlshaber der roten Truppen in der Wolgastadt ist Kliment J. Woroschilow, sein Armeekommissar J. W. Stalin. Das Hauptverdienst daran, dass die Stadt 1918 gehalten und den Kosaken das vordringen über die Wolga zum Ural verwehrt wurde, schreibt man später dem in Zarizyn tätigen Stalin zu. Nach ihm erhält die Stadt 1925 den Namen Stalingrad. Ende 1939 ist Stalingrad mit seinen rund 446.000 Einwohnern eine der größten Städte der Sowjetunion. Das Ansteigen der Bevölkerungszahl Stalingrads, in deren Umgebung  es überhaupt keine nutzbaren Rohstoffe gibt, ist ihrer günstigen Verkehrslage zuzuschreiben, die das Entstehen einer Schwer- und Maschinenindustrie während der Fünfjahrespläne begünstigt. In Stalingrad entsteht unter anderem das drittgrößte Traktorenwerk namens "Felix Dserschinski", das etwa 25 Prozent aller in der Sowjetunion hergestellten Zugmaschinen liefert. Noch größer wird das Stahlwerk "Krasny Oktjabr" (Roter Oktober). Außerdem besitzt Stalingrad eine der bedeutendsten Ölraffinerien des Landes.

Bereits vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges stellt man die Stalingrader Schwerindustrie auf Rüstungsproduktion um. So werden zum Beispiel in dem Traktorenwerk Dserschinski Anfang 1942 monatlich etwa 250 Panzer T34 gebaut. Die Stadt wird nun ein riesiges Umschlagszentrum, über das Transporte von beinahe 30 Millionen Tonnen Güter laufen, davon fast 9 Millionen Tonnen Mineralöl. Hierüber geht auch vom Kuban und aus der Ukraine der Weizen zum Weitertransport nach Norden, genauso wie das Manganerz.

Die Stadt Stalingrad zieht sich um 1939 wie ein Band von 500 bis 4000 Meter Breite und etwa 35 Kilometer Länge auf dem steilen Westufer der Wolga entlang von dem Fluß Mokraja Metschetka im Norden bis zum Städtchen Krasnoarmeisk im Süden. Im Stadtkern, von breiten Grünanlagen umrahmt, liegt der imposante Rote Platz. Hier an der Ecke, im Warenhaus Univermag, wird die letzte Zuflucht des Generalfeldmarschalls Paulus und seines Stabes sein. Daneben, an der Südseite, steht das im klassischen Stil erbaute Gorki-Theater. Die Breite der Wolga schwankt entlang der Stadt zwischen 1000 und 2000 Metern, ihre Tiefe zwischen 5 und 24 Metern. Brücken über die Wolga gibt es 1942 noch nicht. Der Verkehr über den Strom geht mit Fähren, Dampfern und Motorbooten vor sich. Jenseits des von kleineren und größeren Inseln unterbrochenen Flusses dehnt sich die Weite Asiens.

Die Häuser in den Vororten Stalingrads bestehen überwiegend aus Holz, und als die deutsche Luftwaffe die Stadt bombardierte, brennen sie zum größten Teil nieder. Steinbauten findet man in erster Linie in den Arbeitersiedlungen der Industriebezirke und im Zentrum der Stadt. Auch sie werden zu Beginn der Kämpfe durch Bombenangriffe zerstört, und in ihren Trümmern spielen sich später erbitterte Kämpfe ab.

Typisch für das Stadtbild sind die schmalen rechteckigen Häuserviertel, die langen ausladenden Hauptstraßen und kurze Querstraßen. Diese Straßenanordnung begünstigt die Errichtung von Barrikaden und die Wirksamkeit des Abwehrfeuers, gestattet aber auch dem Angreifer, sobald er die beherrschenden Anhöhen besetzt hat, ganze Straßenzüge zu bestreichen und dadurch die Bewegung des Gegners zu erschweren.

Das offene Steppengelände westlich von Stalingrad ist von Balkas durchschnitten, im Norden dagegen mit Buschwerk bedeckt. Wald gibt es auch hier so gut wie keinen, nur ausgedehnte Obstgärten im Weichbild der Stadt. Westlich von Stalingrad verläuft ein langer, nach Osten abfallender Höhenrücken. Er bietet günstige Beobachtungsmöglichkeit und ist für die Errichtung von Artilleriestellungen besonders gut geeignet. Außerdem kann der Angreifer im Schutz dieser Höhen unbemerkt Umgruppierungen vornehmen und die von Westen her fächerförmig in das Stadtgebiet führenden zahlreichen Balkas geben ihm Gelegenheit, sich in deren Deckung der Stadt zu nähern.

Das abschüssige Wolgaufer erschwert den Verkehr zwischen Stadt und Fluss, und es vergeht kaum ein Tag, ohne das auf der Zufahrtstrasse Pferdefuhrwerke oder Autos Unfälle verursachen. Diese gut 150 Meter hohe Steilwand trägt auch entscheidend dazu bei, das die Sowjets sich des deutschen Ansturms erwehren können. Das Steilufer schafft nämlich einen ausgedehnten toten Winkel gegen feindlichen Direktbeschuss, der es den auf einige hundert Meter zusammengedrängten Verteidigern ermöglicht, hier seine Stäbe und die notwendigsten Versorgungsdienste unterzubringen. Allerdings vermag diese fast senkrechte Anhöhe nicht die nötige Deckung gegen steil feuernde Artillerie, Granatwerfer und vor allem gegen Luftangriffe zu bieten.

Im Norden des Stadtzentrums erhebt sich der vor einigen Jahrhunderten zu Ehren des Tatarenfürsten Mamai aufgeschüttete Hügel "Mamai Kurgan", ein beliebtes Ausflugsziel der Stalingrader. Hier hören sie die Platzkonzerte der Militärkapellen, hier toben tagsüber die Kinder und abends treffen sich Verliebte, die dem Gesang der Nachtigallen lauschen. Von dem Gipfel des Mamai Kurgan aus hat man das schönste Panorama der Stadt vor Augen, die Landenge und hinter der Wolga die im Dunst gehüllten Ausläufer Asiens. Bald wird der romantische Mamai-Hügel, bei Freund und Feind in den Generalstabskarten schlicht als "Höhe 102" bezeichnet, zum wichtigsten strategischen Punkt der Festung Stalingrad. Um seinen Besitz wird beinahe bis Ende Januar 1943 verbissen gekämpft und für Tausende ist diese sanfte Erhebung das letzte, was sie zu sehen bekommen.

Von diesem höchsten Punkt der Stadt aus kann man nämlich den Fluss innerhalb Stalingrads unter Kontrolle halten und der Kurgan bietet einen unbegrenzten Einblick in das Land am linken Wolgaufer, das sich flach wie ein Brett bis zum Horizont hin ausdehnt. Stalingrad verfügt über zwei große Bahnhöfe für Personen- und Güterverkehr. Der Hauptbahnhof "Nr. 1" genannt, liegt direkt im Stadtzentrum, "Nr. 2" im südlichen Stadtteil. Auch um diese beiden Bahnhöfe wird eines Tages verbissen gekämpft werden.

In der Nähe von Stalingrad befinden sich zwei Flugplätze, der kleine, dicht am Stadtrand liegende Stalingradski und der etwa 8 Kilometer entfernte Gumrak. In einem Erdbunker am Rande des Flugplatzes von Gumrak wird Ende November 1942 der Befehlsstand der eingekreisten 6. Armee untergebracht. Der weiter westlich liegende Flugplatz Pitomnik wiederum wird Zeuge des verzweifelten Versuchs, die todgeweihte 6. Armee aus der Luft zu versorgen.

Zu Füßen der Jergeni-Hügel, südlich Stalingrads, die sich als eine gerade Kette von Norden nach Süden, quer durch die Kalmückensteppe erstrecken, liegen breit hingelagert mit schilfigen Ufern die Salzseen Zaza und Barmanzak. Vom Kamm dieser Hügel erblickt man die völlig ebene Salzwüste bis zum fernen Unterlauf der Wolga. Eine wichtige Bahnlinie von Rostow über Kotelnikowo und Tinguta nach Stalingrad führt an ihnen vorbei.

Bereits im Herbst 1941 beginnt man vorsorglich, westlich von Stalingrad improvisierte Stellungen auszubauen, deren südlicher Teil an der oberen Myschkowa liegt und sich an die weithin beherrschenden Erhebungen der Jergeni-Hügel nördlich des Bahnhofs Abganerowo anschließt. Nahe Stalingrad werden die Feldstellungen im Verlauf des projektierten Wolga-Don-Kanals gebaut, deren Rückgrat die Hügel südwestlich von Krasnoarmeisk und Beketowka bilden. Die NS-Propaganda macht ein Jahr später aus diesen Feldstellungen innere und äußere Festungsgürtel, um den Eindruck zu erwecken, Stalingrad sei eine Festung.

Für den Einsatz der Fliegerkräfte im Herbst und Winter 1942 ist von entscheidender Bedeutung, dass der Don mit seinen etwa 10 Kilometer breiten waldreichen Niederungen und die Wolga eine Wetterscheide bilden. Oft können die Flugzeuge wegen dichten Nebels westlich des Don nicht starten, während über Stalingrad die Sonne scheint - oder umgekehrt. Die Landenge zwischen den beiden Strömen ist die Schleifzone, wo der kalte kontinentale Ostwind und der maritime Westwind aufeinander stoßen. So trägt womöglich die Unkenntnis dieser Naturerscheinung mit zum Scheitern der Luftversorgung für die 6. Armee im Kessel von Stalingrad bei.

Von jeher war diese Landenge ein Einfallstor nach Süden. Noch jetzt besteht hier der gegen solche Überfälle im 13. Jahrhundert angelegte Tatarenwall, eine nach Norden gerichtete Verteidigungsanlage. Er zieht sich von der Zariza-Mündung in Stalingrad-Mitte bis an den Don bei Schischikin. Hinter einem tiefen Graben erhebt sich ein Wall, der sich selbst jetzt nach mehreren Jahrhunderten sogar die Panzer noch als fast unüberwindliches Hindernis erweist.

Die baumlose kahle Landenge ist als Kampfgebiet äußerst ungeeignet. Das offene Gelände erschwert sowohl für Angreifer als auch für Verteidiger die Tarnung von Truppen und Versorgungswegen erheblich. Diese Bodengestaltung ermöglicht allerdings wiederum schnelle Bewegungen aller Waffengattungen. Im Stadtgebiet selbst münden die beiden Flüsse Moskraja Metschetka und die Zariza in die Wolga. Im Sommer sind es zwar nur schmale Bäche, sie fließen jedoch in tiefen Balkas mit steilen Ufern, die zu natürlichen Panzerhindernissen werden. Die Unterkunftsmöglichkeiten für größere Verbände befinden sich in Stalingrad selbst oder im Marinowokatal, etwa 30 Kilometer westlich.

So sieht das Land aus, dem sich im Sommer 1942 unaufhaltsam eine Armee nähert, der Stalingrad zum Verhängnis werden soll.

 

 

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