Stalingrad - Bilder einer erbitterten Schlacht

Stalingrad - Bilder einer erbitterten Schlacht

Der Kampf um Stalingrad in einer Dokumentation von Bildern, Fotos, Karten, Filmen, Plänen, Berichten und Beschreibungen.

 

 

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Der Todesmarsch nach Dubowka

 

(unkorrigierte Originalversion)

 

...Der Weg in die Gefangenschaft war wohl das Härteste, was ich je in meinem Leben erfahren sollte.

Waffenlos - jeglicher Willkür eines fremden asiatischen Volkes ausgeliefert zu sein (- durch die Einkesselung von Stalingrad, vom 22. November 1942 bis 2. Februar 1943, schon schwer angeschlagen, da kaum noch Verpflegung abgeworfen wurde und durch Hunger sehr entkräftet, ganz abgesehen von den schweren seelischen Belastungen einen tagelangen Marsch durch tiefen Schnee und bitterer Kälte durchzustehen) erfordert alles an Lebenswillen, was der Mensch überhaupt noch aufbringen kann. Über kilometerweite Schneeflächen ohne nur ein Haus oder einen Wald oder irgendeinen Geländepunkt zu sehen, wälzte sich der Zug der Gefangenen von Stalingrad gegen Nordosten in eine ungewisse Zukunft.

Rechts und links des Marschweges konnten wir sehen, daß unsere mongolischen und tatarischen Konvois mit Marschunfähigen nicht lange verhandelten, auch hörten wir immer wieder Karabiner- und Pistolenschüsse.

Vollkommen nackte Leichen, halb vom Schnee verweht, lagen da. Die Russen hatten jeden auf dem Marsch Erschossenen sofort ausgezogen, denn der Russe kann alles brauchen. Wir sollten in der Folgezeit noch so manche Erfahrung machen. Was wird uns noch alles bevorstehen?

Wichtig war vorerst durchzuhalten, nur nicht umsinken, nur auf den Beinen bleiben, weiter marschieren, Kameraden stützen, die schlapp machen wollten, eingehängt zu dreien, zu vieren, wankte der Zug durch Schnee und tiefe Schneewehen, durch eisigen Steppenwind.

Noch war der Geist der Kameradschaft ungebrochen, abwechslungsweise wurden die Kameraden, die an der Seite gehenden in die Mitte genommen, denn wer außen marschierte, hatte nicht nur tiefen Schnee und den immer wehenden Eiswind zu überwinden, er mußte auch so manchen Gewehrkolbenschlag mit den Anfeuerungsrufen: „Dawei, dawei" hinnehmen.

Wir waren schon cirka 10 Stunden marschiert an diesem Tag und die Nacht war angebrochen. Auf einer großen, freien Fläche wurde das erste Mal Halt gemacht. In wenigen Augenblicken sanken alle in den tiefen Schnee. Vorsichtige trampelten sich erst ein Loch, ehe sie sich niederließen. Man hatte da doch noch ein bißchen Schutz vor dem schrecklichen Eiswind.

 

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Mancher hatte noch etwas zu essen, das er verstohlen zum Munde führte. Viele hatten nichts. Als nach Stunden der Marsch weiter ging, stellte sich heraus, daß das Aufstehen sehr schwer war, es wäre besser gewesen, wenn wir weiter marschiert wären. Auch unter der Unterkühlung der Muskeln hatten wir schwer zu leiden. Es dauerte lange, bis der Zug wieder in ein gleichmäßiges Weiterwanken kam. Diese Nacht wurde nun durchmarschiert.

Gegen Morgengrauen kamen wir in einem Lager, das wir schon kilometerweit sahen, an, es hieß Dubowka und war 50 Kilometer von Stalingrad entfernt. Als wir dort ankamen, waren schon viele Baracken belegt. Die vorhandenen Pritschenplätze, die 2-stöckig übereinander gebaut waren, reichten natürlich nicht aus, so daß der Fußboden mit erschöpften Kameraden dicht belegt war, um wenigstens im Sitzen nach den Strapazen des Marsches etwas auszuruhen.

Auch die ausgebliebene Verpflegung zehrte sehr an unseren Kräften. Am Vormittag wurden einige Offiziere zum Wasserholen herausgeholt. Wer einigermaßen intakt war, nahm sich sechs Kochgeschirre, andere Behälter waren ja nicht zur Verfügung, und ging zum Wasserholen. Das war also für uns der erste Lichtblick, es soll also doch etwas gekocht werden!

Der Zug der Wasserholer bewegte sich Mann hinter Mann zum unteren Ende des Lagers, aus einem Loch, das in das Eis geschlagen war, wurden nun die Kochgeschirre gefüllt und in die Küche getragen.

Mein Kamerad, Veterinär Dr. Reiche, war auch bei den Wasserholern. Er erzählte mir, was sich bei dem Wasserholen alles zutrug. Wir waren ja nicht die einzige Baracke, in der gekocht werden sollte, alle übrigen hatten denselben Auftrag.

Obwohl russische Posten um das Wasserloch standen, kam es zu schweren Schlägereien wegen des Wassers. Sogar Tote lagen da. Wir erfuhren, daß in dem Lager auch Mannschaften lagen, die aber durch Stacheldrahtverhaue von den Offizieren getrennt waren. Niemand durfte an diese Drahtverhaue herantreten, damit keine Verständigung mit unseren Männern möglich war. Der Russe hatte immer höllische Angst, er sagte, wenn man den deutschen Landsern ihre Offiziere nimmt, sind sie leichter zu behandeln. Die Offiziere würden die Mannschaften aufwiegeln, sie hatten Angst vor Meuterei und Ausbruch. Wir waren nun sehr gespannt, wie wohl unsere erste Gefangenenkost aussehen wird. Nun, nach 4-5 Stunden bekamen wir, es fing schon an wieder dunkel zu werden, ein jeder eine Kelle grauer, undefinierbarer Brühe, die widerlich schmeckte, aber sie war heiß, das war ihr größter Vorzug.

In diesem Lager war ein ständiges Kommen und Gehen. Große Kolonnen wurden auf dem Lagerplatz zusammengestellt, die wieder abmarschierten. Es stellte sich heraus, daß es nur Mannschaften waren, …

 

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...Beine und stützte ihn, so gut es eben ging, auch kam mir noch ein zweiter zu Hilfe, der sah, daß der Konvoi in bedrohliche Nähe kam. Wir nahmen ihn nun in die Mitte und schleiften ihn mehr, als daß er lief, aber wir wurden doch immer wieder von anderen Kameraden überholt, die schon die Gewehrkolben der Russen verspürt hatten und nun nach vorwärts drängten. Wir waren am Ende des Zuges angelangt, gerade hatten wir unseren Kameraden wieder hochgehoben und seine Arme um unsere Schulter gelegt, als der Russe, der die ganze Situation gesehen hatte mit einem schweren Kolbenschlag auf den Kopf unseres Kameraden grausam einschlug. Uns beide scheuchte der Russe weg, dann hörten wir den Schuß. Er brauchte also nicht mehr nach Stalingrad zurück.

Von der Höhe von Spartakowka aus sahen wir Stalingrad liegen. Aus der Ferne und bei letzten Sonnenstrahlen machte das Schlachtfeld einen grandiosen Eindruck. Wir konnten Richtung Süden bis zu den Getreidesilos sehen. Auch das Haus, in dessen Keller der letzte Gefechtsstand von Generalfeldmarschall Paulus war, konnte deutlich erkannt werden.

Nach rechts hin konnte man bis nach Goroditschtsche sehen. Nun ging der Weg zum Steilabhang der Goroditschtscheschlucht, das war ein einziges Fallen und Gleiten bis wir unten angelangt waren. Auf der Talsohle konnten wir uns wieder etwas erholen und auf die letzten Nachzügler warten, denn jetzt ging die weitaus größere Anstrengung erst los, wir sollten auf der anderen Seite den Steilhang wieder hoch. Die einzige Brücke von Spartakowka nach Stalingrad-Nord über die Goroditschtscheschlucht war zerschossen und in Brand geraten, also mußte die Schlucht eben auf diese Weise überwunden werden.

Man suchte den gangbarsten Weg, doch sollten wir bald merken, daß es so etwas gar nicht gab, hatte man sich mühsam einige Meter hoch gearbeitet, so kam eine vorausgehende Gruppe ins Rutschen und riß die darunter Steigenden wieder mit in die Tiefe. Das wiederholte sich Dutzende von Malen, bis auch der Russe zur Einsicht kam, daß eine so schwer angeschlagene Marschkolonne dieses Hindernis nicht überwinden kann. Es wurde also in der Talsohle in Richtung Goroditschtsche weitermarschiert.

Durch die Anstrengungen, das Steilufer zu überwinden, ging nun der Marsch sehr langsam vor sich. Es war stockdunkel und das Marschieren immer schwerer, da ja überhaupt kein Weg vorhanden war. Der Umweg über Goroditschtsche bedeutete für uns mehr als 15 Kilometer. In Goroditschtsche war nur in der Kirche eine Möglichkeit zu übernachten, aber die lag voll von Kranken und Entkräfteten. Die Kirche war vorher Hauptverbandsplatz. Die Lazarettinsassen waren vom Russen liquidiert worden, nun lagen wieder Kranke und Marschunfähige zu Hunderten darin. Wir mußten also weitermarschieren und kamen in der Nacht auf den Hügel der „Akropolis". Dieser Teil

 

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von Stalingrad hat während des Kampfes den Namen „Akropolis“ als Tarnbezeichnung erhalten.

Die Holzhäuser der Russen waren durch Kampfeinwirkung verbrannt, jedoch die gemauerten Kamine blieben stehen und ragten säulenartig In den Himmel. Im Osten stieg bereits das Morgenrot auf, als wir durch diesen Kampfabschnitt kamen. Alte Stellungen, alte Erdlöcher, in denen wir gelegen hatten, erkannten wir sofort wieder. Da standen noch zwei vorgezogene Geschütze mit aufgesprengten Rohren meiner ehemals fünften Batterie, die die Kanoniere mit der letzten Granate gesprengt hatten.

Die fünfte Batterie führte mein Freund Wehrfritz aus Nürnberg, weil ich zum Regimentsstab versetzt worden war.

In einer Sandkuhle standen noch einige französische Beutegeschütze, für die keine Munition mehr vorhanden war und deshalb noch zur Kampfzeit unbrauchbar gemacht wurden.

Über die „Akropolis“ fiel der Weg direkt zum Traktorenwerk. In den Kellern dieses Riesenwerkes von denen nur noch die Grundmauern und die stark zerschossenen Mauern einiger Fabrikhallen standen, haben wir unsere letzten Stunden vor der Gefangennahme zugebracht, um wieder etwas aufgewärmt immer wieder erneut zu kämpfen. In den Kellern und unterirdischen Montagegängen lagen Hunderte von Verwundeten und Toten.

Als wir zum Traktorenwerk kamen, sahen wir, daß auf dem Freigelände große Haufen von Toten übereinandergeschichtet lagen. Die Russen ließen also die Keller ausräumen. Ich suchte den Friedhof, den wir angelegt hatten, um unsere Toten zu bestatten. Ich fand ihn nicht mehr. Wir sahen kein Kreuz mehr stehen. Der Russe hatte mit Panzern alles niedergewalzt. Da krampfte sich mein Herz zusammen und mit aufeinander gebissenen Zähnen ging es in die Keller des Traktorenwerkes, um einige Stunden Ruhe zu haben. Den Nachmittag und die folgende Nacht blieben wir wie tot liegen, um am frühen Morgen unseren Marsch, fortzusetzen. Auch den Leichentransport konnten wir dort sehen. Russenweiber führten ein Kamel, an Stricken waren die Leichen angebunden, durch den Schnee zur Wolga geschleift und dort auf das Eis der Wolga gelegt. Eine tatarische Leichenbestattung. — Wenn das Eis der Wolga brach, war die Beerdigung vollzogen!

Nun ging der Marsch an der Brotfabrik, am Metallurgischen Werk vorüber zur Zarizaschlucht, durch den Mittelabschnitt zum Südabschnitt, an den großen Getreidesilos vorbei, bis zum Ende von Stalingrad. Am Ende von Stalingrad kamen wir nachts in einem kalten Ringofen einer Ziegelei unter. Ich suchte nach einer zugfreien Stelle, denn in einem solchen Ofen zieht es immer. An einer Wand fand ich endlich, was ich suchte und machte einige Kameraden darauf aufmerk-

 

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sam und so legten wir uns eng aneinander in den Ziegelstaub und schliefen rasch ein. Während des ganzen Marsches gab es natürlich keinerlei Verpflegung und der Hunger plagte uns sehr.

Am Morgen ging die Parole, vom Russen ausgegeben, wir hätten nur noch sechs Kilometer bis Beketowka zu marschieren, dann gibt es Suppe und Kascha (Brei), wir sollten uns nur beeilen, dann brauchen wir nicht mehr zu hungern.

Wir marschierten los, ein Ziel lag vor uns und, wie der Russe sagte, nur sechs Kilometer entfernt.

Nach den ersten 10 Kilometern, ein Soldat kann Wegstrecken sehr genau schätzen, fiel also die Hoffnung auf Essen ins Wasser.

Von Beketowska war nichts zu sehen, aber es gab wenigstens eine bessere Marschstraße, die zum Teil mit Schneepflügen vom tiefen Schnee befreit war. Zwischen hohen Schneemauern ging es weiter, die Schneemauern hatten noch das Angenehme, daß sie den schneidenden Wind von uns abhielten.

Es mußten immer mehr Ruhepausen eingelegt werden, da der Russe selbst einsah, daß man ohne Verpflegung nicht so gut gehen kann.

Bei jeder Ruhepause stürzte sich ein Heer von Russen auf uns, um uns auszuplündern. Eine wollene Decke, ein Paar deutsche Reitstiefel, eine Feldflasche und so manches andere haben ihre Liebhaber gefunden. „Urr“ (Uhr) stand natürlich an erster Stelle.

Ich hatte mir schon in Goroditschtsche um einen Stiefel Telefondraht gewickelt, um nicht ständig im Schnee auszurutschen. Es hat sich als gute Bremse erwiesen. Das ewige Ausrutschen im Schnee hat viel Kräfte verzehrt und steigerte die Müdigkeit sehr, als ich aber den Telefondraht, der in großen Mengen herumlag, um die Füße gewickelt hatte, ging, zwar etwas ungewohnt, das Laufen besser und ein Ausrutschen gab es nicht mehr. So gewöhnte man sich schnell daran. Bei jeder größeren Ruhepause habe ich meine Drahtwicklung immer wieder verbessert, so daß ich gut und ohne Beschwerden marschieren konnte.

Neben mir saß mein Freund Wettengel aus Wunsiedel, der sich für die Gefangenschaft seine besten Reitstiefel angezogen hatte. Die gefielen einem Russen aber auch und sie wurden ihm vom Russen ausgezogen. Es war gut, daß noch ein Paar Schuhe vorhanden waren, sonst hätte der arme Kerl im Schnee in Strümpfen weitermarschieren müssen.

Meine Stiefel wurden vom Russen auch gemustert, aber sie gingen gleich weiter, „kaputt“ sagten sie. Also hatte mein Telefondraht zwei Vorteile. Auf den zweiten hat mich allerdings erst der Russe gebracht.

 

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Im Seuchenlager von Beketowka.

Beketowka war wohl das katastrophalste Lager, das wir je zu sehen bekamen. Die Baracken waren nur zum Teil mit Pritschen versehen, in den meisten waren nur leere Räume, ohne Heizung mit zerbrochenen Fensterscheiben und viel Unrat auf dem Fußboden. In den Gängen Exkremente von Gefangenen, die nicht mehr in der Lage waren, die Latrinen zu benützen. Auch aus Furcht in die Latrinen zu fallen, weil sie sich in den Knien nicht mehr halten konnten und dann in die Latrine fielen, haben viele eben den Gang benützt.

Wir sahen einige Kameraden unten in der Latrine liegen, die dort elend zu Grunde gingen. Es war einfach unmöglich, diese Kameraden zu befreien. Die Gruben waren tief, der Kamerad aber zu schwach um sich selbst zu erheben, Stricke oder Seile nicht vorhanden, so mußte man ohnmächtig zusehen, wie das Leben dieser Unglücklichen erlosch.

Es stank im ganzen Korpus, wie die Baracken vom Russen benannt wurden, ganz fürchterlich. Sehr viele hatten schon Durchfall, die ersten Zeichen dafür, daß eine Seuche sich stetig ausbreitete. Es wurde uns klar, daß nur wenige das Lager verlassen würden, denn die Seuchengefahr war groß und wie sollte sich ein Gefangener davor schützen?

Nur eiserne Disziplin und Sauberkeit konnte uns retten. Schwach gewordene Kameraden wurden nun mit 2-3 Mann zur Latrine getragen. Ständig waren einige Kameraden bemüht den Fußboden sauber zu halten. Zwei unserer noch Kräftigsten organisierten sogar einen Ofen und ein Stück Rohr, da weder Kniebogen noch Schornstein vorhanden war, wurde er etwas erhöht gestellt und das Stück Rohr zum Fenster hinaus gesteckt. Auch Holz wurde gegen „Urr“ eingetauscht. Zum Sauberhalten des Fußbodens war natürlich nichts vorhanden, die dazu benötigten Werkzeuge, wie Schaufel, Besen oder Putzlappen fehlten; so mußten Mäntel und Uniformstücke Verstorbener benützt werden. Das große Sterben war an der Tagesordnung, so daß die am Anfang starke Überbelegung sich von selbst regelte.

Jeden Tag fuhr ein Panjefahrzeug vor unserem Korpus und wir mußten die Toten der Nacht darauf legen. Meistens waren es 2-3 Mann im Anfang, dann wurden es aber beängstigend mehr und wir konnten uns ausrechnen, wenn das so weitergeht, wann die Baracke wieder neu belegt werden kann.

Im Lager wurden täglich 50-60 Kameraden, ja sogar mehr hinaufgefahren auf eine Anhöhe von Beketowka. Dort wurden die nackten Leichen zu je hundert Mann im Viereck aufeinander geschichtet, damit den Russen das Zählen erleichtert wurde. Es war ein gräßlicher Anblick, diese im Viereck aufgetürmten nackten Leichenhaufen zu sehen. Viele dieser Vierecke waren schon rechts und links der Totenlager-

 

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straße aufgeschichtet, als die Parole umging, alle Marschfähigen werden abtransportiert, da im Lager die Fleckfieber- und Bauchtyphus-Seuche ausgebrochen sei.

Nie mehr später in der Gefangenschaft habe ich ein Lager mit so großer Freude verlassen, als Beketowka.

Von später bei uns angekommenen Kameraden erfuhren wir, daß in Beketowka 42 000 Kameraden gestorben sind.

Gesinnungswandel beim deutschen Offizier.

Wieder stehen wir zu einem Marschblock bereit, ganz neue Gesichter tauchen auf, die aus anderen Baracken zusammengestellt wurden. Der Marsch war nicht lang, wir wurden das erstemal mit der Eisenbahn verfrachtet. Auf einem Industriegeleise stand also dieser Zug, jeder Waggon mußte mit 60 Mann belegt werden, obschon 40 zuviel waren. Wer Glück hatte, bezog einen Pritschenplatz, da fing es schon an, daß der Stärkere immer Sieger blieb. Obwohl einige Kameraden zur Vernunft mahnten, man soll doch den Schwächeren erst einmal die Pritschenplätze geben, waren aber doch einige darunter, die das nicht einsehen wollten.

Es kam mehrfach zu Schlägereien und das waren doch alles Offiziere! — Ich bekam damals meinen ersten Schock, mein Urteil über den deutschen Offizier mußte ich gründlich überdenken, bislang habe ich immer noch Kameradschaft und offiziermässiges Verhalten von jedem gesehen und erwartet, jetzt auf einmal diese Brutalität des Stärkeren? Was ist denn geschehen? Waren wir nicht alle in derselben Lage? Mußten wir nicht jedem beistehen, vor allem den Kranken und Schwachen? Hier bahnte sich ein Gesinnungswandel an, der sich später ganz klar herausstellen sollte.

Hunger und Durst plagte uns sehr. Das empfangene Brot, für sieben Mann ein Laib, war schnell verzehrt, immer gleich alles aufessen war vernünftiger, als Vorratswirtschaft zu treiben. Mancher hat schon erfahren müssen, daß ihm sein letztes Stück Brot gestohlen wurde und das unter Offizieren. Ist denn die ganze Welt auf einmal umgekehrt?

Auch ein Ofen war in unserem Waggon, ebenfalls ein Haufen grünes Holz. Wie soll man mit diesen dicken Holzscheiten Feuer machen? Alle Holzscheite wurden nach abgesplitterten Holzteilchen untersucht und der kleinste Splitter abgerissen, um erst einmal ein Feuer zu entfachen. Ob allerdings auch die dicken Scheite zu brennen beginnen, war Glücksache. Schließlich ist es einem Kameraden gelungen, den Ofen wirklich in Gang zu bringen.

Schon das Prasseln im Ofen erzeugte Wohlbehagen, obwohl von Wärme noch nichts zu spüren war, nur die Nächststehenden hatten Nutzen davon.

 

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Nun wurde abgewechselt, wer eine halbe Stunde am Ofen stand, mußte auf die Pritsche, andere, kamen zum wärmen und so war ein ständiges Hin- und Hergelaufe und ein ständiges Auf- und Abklettern zu und von den Pritschen. Das hatte auch sein Gutes, für Bewegung, die ja in dem engen Raum fast unmöglich war, war dadurch gesorgt.

Zur Notdurft waren zwei Bretter zu einer Rinne zusammengenagelt und das eine Ende durch ein Loch an der Tür nach außen geführt, mehr als primitiv. Natürlich zog es von dort her und wer in dieser Nähe seinen Stehplatz hatte, war wirklich nicht zu beneiden. Dazu kam der furchtbare Gestank der Durchfallkranken; (der Vorbote des Fleckfiebers). Das Fleckfieber fuhr also mit uns mit. Viele waren von fleckfieberübertragenden Läusen gebissen und so mancher mußte früh am Bahndamm, wenn der Zug außerhalb der Bahnhöfe hielt, in den Schnee gelegt werden. Dieser Leichentransport war die einzige .Gelegenheit frischen Schnee in Kochgeschirre zu pressen, um einige Schluck Wasser zu gewinnen. Wie einen Schatz bewachte man das bißchen Schneewasser. Tagelang fuhr der Zug mit großen Aufenthalten auf freier Strecke oder auf Bahnhöfen. Die Läuse machten uns schwer zu schaffen. Das Tageslicht, das nur durch zwei kleine Luken hereinfiel, war viel zu schwach, als daß man systematisch auf Läusejagd hätte gehen können.

Außerdem war es im Waggon viel zu kalt. Obwohl wir schon mehr Bewegungsfreiheit durch die vielen Ausfälle an Verstorbenen hatten, und ein großer Teil der Belegschaft des Waggons apathisch auf den Pritschen lag die sie nicht mehr verließen, wäre es uns unmöglich gewesen, sich auszuziehen, um nach den Biestern zu suchen.

Oranki

Ein stark dezimierter Haufen: kam mit letzter Kraftanstrengung in Oranki an. Oranki liegt 60 Kilometer Von Gorki entfernt. Wie ich nach Oranki kam, ist mir bis heute noch nicht klar geworden, ich war jedenfalls schon krank, als wir ausgeladen wurden. Hier war die Entlausung das wichtigste Gebot der Stunde. Russinnen und Russen scherten uns kahlköpfig, auch sämtliche Körperhaare wurden abrasiert, damit sich die Läuse nicht mehr halten sollten. Die Entlausungsstation aber war sehr primitiv. Einmal zu heiß, daß alle Uniformstücke versengt und mehr braun als grau aus dem Ofen kamen, ein andermal nur warm, das den Läusen eher zum Vorteil gereichte und sie nicht vernichtete. Wir mußten uns schon selber helfen. Die Nachlese war für jeden, der überleben wollte, die wichtigste Aufgabe.

Überall saßen Nackte, die ihre Hemden, Pullover und ihre Uniformstücke nach Läusen absuchten. Von jedem wurde sehr darauf geachtet, daß seine Nebenmänner sich genau so intensiv der Läusejagd widme-...

 

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