Stalingrad - Bilder einer erbitterten Schlacht

Stalingrad - Bilder einer erbitterten Schlacht

Der Kampf um Stalingrad in einer Dokumentation von Bildern, Fotos, Karten, Filmen, Plänen, Berichten und Beschreibungen.

 

 

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Dieter Peeters - Vermisst in Stalingrad

Einzelschicksal am Ende der Schlacht

Als Geburtshelfer in den Ruinen von Stalingrad

Kameradschaft bis in den Tod

Überleben in russischer Kriegsgefangenschaft

Gefangenentransport in den Tod

 

 

Dieter Peeters - Vermißt in Stalingrad

 

 

Dieter Peeters

„Vermißt in Stalingrad“

Als einfacher Soldat überlebte ich Kessel und Todeslager 1941-1949

Zeitgutverlag 2005 (12. Auflage 2019), 13,5x21,5, 115 Seiten, broschiert

ISBN: 978-3-933336-77-4

Dieter Peeters, Jahrgang 1921, ist im Jahr 2005 einer der wenigen noch Lebenden der Stalingrader Schlacht. Ergreifend schildert er die Wochen in der Hölle des Kessels aus der Sicht eines dorthin befohlenen Soldaten, über die Gefangennahme Ende Januar 1943 und dem unendlichen Grauen in den Todeslagern Russlands, dass einem der Atem stockt. Nach sechs langen, qualvollen Jahren in russischer Kriegsgefangenschaft kehrte er für immer gezeichnet 1949 nach Deutschland zurück - ein Weg, der vielen seiner Kameraden nicht vergönnt war. Mit diesem Buch wird dem Leser ein erschütterndes Zeitdokument mit zahlreichen authentischen Fotos in die Hand gegeben, welches er nicht so schnell vergisst.

Diese Publikation ist in allen Buchhandlungen zum Preis von 12,80 EUR erhältlich.

 

 

 

Dieter Peeters als Soldat im Frühsommer des Jahres 1942 auf einem Brunnen sitzend. Im Hintergrund eine der typischen russischen Bauernkaten.

 

Auf mehrfachen Wunsch der Seitenbesucher, Herrn Peeters' persönliche Bildunterschrift.

 

Als sich im Januar 2003 die Tragödie von Stalingrad zum sechzigsten Mal jährte, strahlten die Medien einige Beiträge zum Schicksal der deutschen Soldaten aus. Diese schonungslose Berichterstattung bewog den Autor Dieter Peeters, erstmals über seine Erlebnisse in der Hölle von Stalingrad zu sprechen und aufzuschreiben. Sein publizierter Tatsachenbericht fand große Beachtung und über Deutschlands Grenzen hinaus positive Bewertungen. Im Monat Februar 2019 erschien bereits die 12. Auflage dieses interessanten Buches.

Ebenfalls mit dem Thema „Weihnachten in der Hölle von Stalingrad“ beschäftigte sich vor geraumer Zeit eine ins Internet eingebrachte Diskussion. Dabei wurden allerdings Tatsachen verwischt und Vorwürfe bis hin zur grenzenlosen Verachtung der Menschen, die in dieser schicksalsschweren Zeit leben mussten, ausgesprochen.

 

Als Autor dieser Präsentation habe ich Herrn Dieter Peeters vor einigen Jahren, als einen der wenigen damals noch lebenden Zeitzeugen um eine Stellungnahme gebeten, die ich hiermit wiedergebe:

Aus Sicht heutiger Generationen ist es mitunter schwierig, Verständnis für das Verhalten der Menschen unter einer diktatorischen Staatsführung aufzubringen. Viele rückschauende Betrachtungen werden oft zu einfach dargestellt und verzerren die wirklichen Verhältnisse zwischen den beiden Weltkriegen. Für eine objektive Beurteilung der Vergangenheit sollten Verhaltensweisen und Handlungen früherer Generationen nur aus ihrer Zeit heraus und den Maßstäben damaliger Möglichkeiten verstanden und bewertet werden. Deshalb sind auch aus heutiger Sicht gestellte Fragen wie: „Warum habt Ihr denn nicht protestiert?“ oder „Warum seid Ihr denn nicht emigriert oder übergelaufen?" unangebracht. Dabei wird auch völlig übersehen, wie es überhaupt dazu kam, dass die damaligen Generationen diktatorisch, totalitär manipuliert werden konnten.

 

Zur Vorgeschichte: Im Februar 1932 war die Arbeitslosenquote im Deutschen Reich auf 30% angestiegen, die Menschen hungerten und das Volk befürchtete eine weitere Bolschewisierung des Landes durch die Kommunisten. Nach vierzehnjähriger politischer Instabilität in der Weimarer Republik (in dieser Zeit der Weltwirtschaftskrise wurde die Regierung zwanzig Mal ausgewechselt) wandte sich das Volk den Nationalsozialisten zu. Mit Unterstützung der rechten Machtelite erreichte dann Adolf Hitler am 30. Januar 1933 sein Ziel. Reichspräsident von Hindenburg ernannte ihn zum Reichskanzler, obwohl zu diesem Zeitpunkt die Opposition zahlenmäßig noch überlegen war. In den folgenden Wochen präsentierte sich ein totaler Wahlkampf der Verführung, der ganz auf die Person Hitler als Heilsbringer ausgerichtet war. Mit den Argumenten "Kampf gegen Arbeitslosigkeit, gegen den Marxismus und den Versailler Vertrag" erreichten die Nationalsozialisten gemeinsam mit den Deutsch-Nationalen am 5. März 1933, wenn auch mit knapper Mehrheit, ihr Ziel. Das war das Ende der Weimarer Republik.

Ich war zu dieser Zeit gerade 11 Jahre alt und noch verständnislos für das, was um mich herum geschah. An diesen Tag kann ich mich recht genau erinnern, weil bis zum Wahltag alle Fenster mit Fahnen der jeweils gewünschten Partei geschmückt waren. Am Tag, als der Sieger feststand, stellte ich auf dem Schulweg staunend fest, dass in einer mit roten Hammer/Sichel-Fahnen beflaggten Straße über Nacht ein Wechsel der Embleme erfolgt war. Alle roten Fahnen trugen jetzt dieses schwarze Hakenkreuz auf einem runden weißen Untergrund.

Die zunehmende Konjunktur und der dann folgende völlige Abbau der Arbeitslosigkeit führten zu einem „Mythos“ um den Führer, welcher zusätzlich durch eine raffinierte Propaganda immer weiter gesteigert wurde. Die Bilder der inszenierten Massenaufmärsche mit begeisterten Volksgenossen sind bekannt. Zum ersten Mal seit dem ersten Weltkrieg ging es der breiten Masse wirtschaftlich wieder gut. Mit dem Reichsparteitag im Jahre 1935 (Bekanntgabe der „Nürnberger Gesetze“, Judenfrage!) kamen bei unseren Eltern erste Zweifel auf. Es bestand aber allgemein die Auffassung, dass die Juden aus Deutschland ausgewiesen würden. Zu diesem Zeitpunkt war es aber für einen Protest bereits zu spät. Nach dem Tod des Reichspräsidenten von Hindenburg hatte Hitler als Führer und Reichskanzler des deutschen Volkes seine Macht soweit ausgebaut, dass jeder Widerstand gegen das mit äußerster Raffinesse etablierte System unmöglich geworden war. Das Volk war zu diesem Zeitpunkt bereits entmachtet!

Natürlich gab es damals, unbemerkt von den Massen, einige Widerstandsgruppen, die aber nur im Untergrund arbeiten konnten und keine Alternativen zu bieten hatten. Die Kommunisten, soweit sie nicht zu den Nationalsozialisten übergetreten waren, wurden vom Volk, dem es ja nicht schlecht ging, abgelehnt, zumal hier auch ein enger Kontakt zu dem noch brutaleren sowjetischen System bestand. Kirchen und weitere Oppositionelle waren zu schwach und sich uneinig über die Zukunft von Deutschland, da viele keinesfalls zur parlamentarischen Demokratie der Weimarer Zeit zurückkehren wollten. So fand sich keine Einheit für ein künftiges System.

Die Rückkehr des Saarlandes, der Anschluss von Österreich und des Sudetenlandes brachten beim deutschen Volk neue Sympathiewerte. Selbst das Ausland ließ sich seit den Olympischen Spielen 1936 blenden und gab zu der Rückführung deutscher Gebiete in das Deutsche Reich sein Einverständnis.

 

Zum Krieg: Die Provokationen Polens gegen Reichsdeutsche wurde aufgebauscht und mit einem derartigen Propagandaaufwand betrieben, dass in der Öffentlichkeit keine Zweifel aufkamen. Der Frankreichfeldzug wurde von der Allgemeinheit akzeptiert. Frankreich hatte zudem Deutschland den Krieg erklärt und unsere Propaganda hatte es mit dem Reizwort „Schandvertrag von Versailles“ leicht, das Volk von der Notwendigkeit zu überzeugen. Der Sieg über Frankreich brachte Hitler einen weiteren Höhepunkt seiner Macht. Spätestens der Beginn des Russlandfeldzuges löste bei großen Teilen der Bevölkerung Besorgnis aus. Aber niemand wagte aufzubegehren. Das wäre als „Volksverrat“ mit Konzentrationslager oder tödlichem Ausgang geahndet worden.

Wie Millionen andere wurde ich, gerade 19 Jahre alt, zu Weihnachten 1940 als Soldat zur Wehrmacht einberufen. Man stülpte uns eine Uniform über und befahl uns 5 Monate später nach Russland. Wir waren keine Berufssoldaten und nicht begeistert von diesem Lebenseinschnitt. Wir glaubten aber, wie Millionen andere Soldaten auch, in Russland unsere Pflicht erfüllen und unsere Heimat vor dem Bolschewismus bewahren zu müssen. Wir wurden darin bestärkt, als uns die Bevölkerung der Ukraine begeistert mit Blumen, sowie mit Brot und Salz wie gute Freunde empfing. Viele Ukrainer schlossen sich uns an und zogen mit uns, sogar bis an die Wolga nach Stalingrad. 50.000 „Hiwis“ (Hilfswillige), die mit uns marschierten und kämpften befanden sich später auch im Kessel von Stalingrad.

Im weiteren Verlauf des Krieges aber zerbrach unsere Illusion vom schnellen Befreiungsschlag. Die Strapazen nahmen ständig zu und erreichten ihren traurigen Höhepunkt in der Hölle an der Wolga.

In dieser Zeit ergab eine Feldpost-Auswertung der Heeres-Informationsabteilung folgende Stimmung unter den Soldaten:

 

a)      positiv zur Kriegsführung: 2,1%

b)      zweifelnd: 4,4%

c)      ungläubig oder ablehnend: 57,1%

d)      oppositionell: 3,4%

e)      ohne Stellungnahme: 33%

 

Trotz dieser negativen Bilanz kam aber niemand auf den Gedanken, zum Gegner überzulaufen. Drei ehemaligen Kommunisten war es einmal gelungen, überzulaufen. Etwas später stellten wir fest, dass man sie dort getötet hatte. Die Russen waren ausgehungert wie wir und konnten Überläufer nicht versorgen. Das mag einer der Gründe gewesen sein. In den letzten Tagen wurde uns allen bewusst, wie eiskalt man uns belogen und betrogen hatte. Die höchsten Tugenden: Glaube, Treue. Gehorsam und Pflichterfüllung wurden missbraucht und in den Schmutz gezogen. Am Ende, als unsere Lage völlig aussichtslos wurde, ging es nur noch ums reine Überleben. Es war sprichwörtlich die Hölle. Unvorstellbare Szenen spielten sich ab, die man nicht wagt wiederzugeben. Etwa 300.000 Soldaten von uns wurden eingeschlossen, von denen zirka 34.000 ausgeflogen werden konnten. Ungefähr 91.000 Soldaten gingen in russische Kriegsgefangenschaft, von denen zwischen 5.000 und 6.000 überlebten und nach Jahren heimkehren durften.

Ich erlebte den qualvollen Marsch der „Lebenden Toten von Stalingrad“ zum „Todeslager Beketowka“, wo allein 45.000 Soldaten in kürzester Zeit elendig verreckten. In meinen Träumen höre ich manchmal die Schreie der sterbenden Kameraden. Man sagt, die Zeit heilt alle Wunden. Etwas kann die Zeit nicht heilen - den Schmerz ausgelieferter Ereignisse, der sich tief in die Seele eines jungen Menschen eingebrannt hat.

Es war ein unwahrscheinliches Glück, ein Wunder, dass ich überleben durfte. Mutlos, verwundet oder als Krüppel nach Kampf und jahrelanger, entbehrungsreicher russischer Kriegsgefangenschaft kehrten wir Überlebenden heim und halfen, unser demokratisches und friedliches Land, in dem wir heute alle in Freiheit leben dürfen, aufzubauen.

 

Dieter Peeters

 

"Den Charakter eines Volkes erkennt man daran, wie es nach einem verlorenen Krieg mit seinen Soldaten umgeht."

(Charles de Gaulle, ehemaliger General und französischer Staatspräsident)

 

"Der durchschnittliche deutsche Soldat im Zweiten Weltkrieg... kämpfte normalerweise nicht im Glauben an die nationalsozialistische Ideologie, tatsächlich kam in vielen Fällen wohl eher das Gegenteil der Wahrheit näher."

(Dr. van Creveld, Professor für Geschichte an der Hebrew Universität in Jerusalem in seinem Buch "Kampfkraft")

 

 

 

 

Dieter Peeters - Vermisst in Stalingrad

Einzelschicksal am Ende der Schlacht

Als Geburtshelfer in den Ruinen von Stalingrad

Kameradschaft bis in den Tod

Überleben in russischer Kriegsgefangenschaft

Gefangenentransport in den Tod

 

 

Einzelschicksal am Ende der Schlacht

 

Dieter Peeters ist im Jahr 2005 einer der letzten noch lebenden Zeitzeugen der Schlacht um Stalingrad. Das Gedenken anlässlich der Wiederkehr des 60. Jahrestages dieser Schlacht hatten ihn bewogen, erstmals über seine Erlebnisse als einfacher Soldat zu sprechen. Dies sollte dazu beitragen, die Erinnerung an die Leiden der Menschen in dieser Hölle wach zu halten.

Inzwischen hat sein Buch „Vermißt in Stalingrad“ überaus große Beachtung und Anerkennung gefunden. Das ermutigte den Autor Dieter Peeters, erstmals über ein dramatisches Erlebnis zu sprechen, das er jahrzehntelang verdrängt hatte. Ich konnte ihn bewegen, dieses Geschehen nicht nur aufzuschreiben, sondern auch an dieser Stelle hier zu veröffentlichen.

 

 

Die letzten Tage im Kessel

 

...Inzwischen hatte der Russe im Stadtgebiet von Stalingrad seine Angriffe weiter verstärkt. Hierbei bevorzugte er, abgesehen von seinen Scharfschützen, den Nah- und Häuserkampf, ein Schwachpunkt von uns deutschen Soldaten, weil wir hierfür kaum ausgebildet waren. So gelang es ihm, an vielen Stellen einzubrechen und den Ring um uns immer enger zu schließen.

Die aus ehemaligen Kompanien unseres Regiments noch verbliebenen Kampfgruppen mussten immer öfter zurückgezogen und erneut aufgestellt werden. Weil inzwischen keine technischen Verbindungen mehr bestanden, wurde die Koordinierung durch Melder aufrecht erhalten. Man beauftragte mich, eine Gruppe, die am äußersten Flügel einige Häuserblocks weiter in Richtung Wolga in Stellung lag, über ihren neuen Standort zu informieren.

Bei starkem Schneetreiben machte ich mich auf den Weg. Unterwegs traf ich einen mir bekannten Soldaten mit einem Postsack auf dem Rücken, der ebenfalls zu dieser/seiner Einheit wollte. Auf meine Frage, woher jetzt noch Post komme, klärte er mich auf: Der Sack wurde bei einem Beschuss des Verpflegungswagens verschüttet und erst jetzt wieder gefunden. Als er bei unserem Weitermarsch den Sack auf die andere Schulter wechseln wollte, rutschte er bei der Schneeglätte aus, verlor das Gleichgewicht und fiel in einen Granattrichter. Hierbei verstauchte er sich einen Fuß. Zunächst verband ich seine blutenden Schürfwunden. Da er aber nicht mehr weitergehen konnte, übernahm ich den Postsack und versprach, sofort Hilfe zu schicken. Dann machte ich mich wieder auf den Weg und kam schon bald zum Zielort.

Zwischen zwei großen Häuserruinen lag eine breite, ehemalige Einfahrt zu einer zerstörten Halle, hinter der sich ein riesiges Fabrikarsenal erstreckte. Zuerst vergewisserte ich mich, dass sich hier noch deutsche Soldaten befanden. Dann gab ich mich zu erkennen und ging, mit dem Sack auf dem Rücken, zu den Wachposten, die mich inzwischen völlig eingeschneit als „Nikolaus“ empfingen. Sechs Kameraden hielten hier Wache, die mangels Munition ihre Seitengewehre (messerartige Stoßwaffe über der Gewehrlaufmündung) aufgepflanzt hatten. Ich informierte sie über ihren in der Nähe liegenden Kameraden.

Weil hier mit Feindberührung zu rechnen war, wurden zwei Soldaten abgestellt, die mich zu ihrer Gruppe geleiten sollten. Der etwas frei geräumte Schleichweg führte durch eine völlig zerstörte Halle, in der sich Stahlschrott aus Maschinenteilen, Eisenbehältern und Rohrgestängen teils bis unter die ebenfalls zerstörte Dachkonstruktion stapelten. Nach wenigen Minuten stellten sich uns in geringer Entfernung plötzlich zwei Russen, die hinter einem Stapel Stahlplatten gestanden hatten, in den Weg. Sie trugen Pelzmützen und die üblichen Watteanzüge. Auf ihre Gewehre hatten sie ebenfalls ihre Bajonette aufgesteckt. Mit Gebrüll begann einer von ihnen seine Attacke auf den links vor mir gehenden Kameraden, der seine gegen den Angreifer gerichtete Waffe in Nahkampfbereitschaft hielt. Ich warf den Postsack in Richtung des Russen. Umsonst - dieser sprang völlig unvermittelt auf unseren Mann zu und holte zu einem gewaltigen Rundumschlag aus.

Innerhalb von nur wenigen Sekunden kam es zu einem grauenvollen Einzelschicksal:

Mein Begleiter hatte sich geduckt und hielt, auf dem Knie abgestützt, seine nach oben gerichtete Waffe gegen seinen Angreifer. Infolge dieser Haltung drang das Bajonett des Russen von der Seite her mit voller Wucht in seinen Kopf-Halsbereich ein. Gleichzeitig bohrte sich seine eigene nach oben gerichtete Waffe wie ein Speer in den Bauch des ihn angreifenden Russen. Offenbar hatte dieser, abgelenkt durch den Postsack, die Gefahr übersehen. Der zweite russische Soldat hatte das gegenseitige Gemetzel verfolgt und war erstarrt stehen geblieben. Dann aber setzte er zur Flucht an, verfolgt von meinem zweiten Begleiter.

Ein Blick zu meinem schwerstverwundeten Kameraden genügte. Hier war keine Hilfe mehr möglich. Sein Kopf war halb abgetrennt. Der verwundete Russe lebte noch und jammerte erbärmlich.  Er muss schreckliche Schmerzen gehabt haben. Trotz meiner Wut über seine Tat, brachte ich es nicht fertig, mich von diesem Sterbenden abzuwenden. Instinktiv musste ich ihm helfen. In seinem Gepäck fand ich auch sofort, was ich benötigte: Einen weißen Leinensack, den viele Russen zur Aufbewahrung Ihrer getrockneten Brotbrocken benutzen.

Vorsichtig zog ich das Seitengewehr aus seiner stark blutenden Wunde und presste dann den eigentlich ungeeigneten, gefalteten Sack dagegen. Ich wusste, dass meine Hilfe sinnlos war. Seine Eingeweide quollen aus dem Bauch hervor.

Das Stöhnen des Russen ließ dann schnell nach, er sah mich unentwegt verzweifelt, flehend an. Eigentlich hätte ich ihn verfluchen müssen, aber als er plötzlich meine Hand berührte, fühlte ich, dass es sein Ende war. Wollte er um Verzeihung bitten? Für einen Moment wusste ich nicht mehr weiter, machte aber dann das, was ich bei unserem Sanitäter und meinem Freund Peter viele Male bei Freund und Feind erlebt hatte. Ich nahm meinen Stahlhelm ab, ergriff die ausgestreckte Hand des Sterbenden und begann zu beten; Worte, die mir gerade so einfielen und dann das „Vaterunser“.

Als ich plötzlich bemerkte, dass ich beobachtet wurde, setzte ich trotzdem mein Gebet fort. Einige Meter entfernt, stand auf einem Maschinensockel ein Soldat. Zunächst vermutete ich meinen zweiten Begleiter. Als ich aber hochblickte, sah ich einen russischen Soldaten, der seine Pelzmütze in der Hand hielt und meine Zeremonie verfolgt hatte. Ich stutzte. Das war der Russe von unserer nächtlichen Begegnung vor einigen Wochen. Obwohl ich damals sein Gesicht nur bei spärlichem Mondlicht gesehen hatte, erkannte ich ihn sofort wieder. Unvermittelt stieß dieser einen Fluch aus, der auch das Wort „Woina“ (Krieg) enthielt. Ich verstand: Verfluchter Krieg!

Seine Stimme bestätigte es mir: Er war wirklich der Soldat, der damals von mir verschont worden war. Wortlos drehte er sich um und verschwand in der Trümmerwüste. Ich weiß nicht, ob er mich auch erkannt hat oder ob er nichts gegen mich unternahm, weil er sah, wie ich mich um seinen sterbenden Kameraden bemühte.

Alsdann holte ich den Postsack, der sich durch den Sturz geöffnet hatte und aus dem Weihnachtspäckchen gefallen waren. Viele davon waren aufgeplatzt und gefrorene Plätzchen und Schokolade lagen verstreut herum. Sorgfältig sammelte ich alles ein und verstaute es wieder im Sack. Trotz meines ständigen Hungers kam mir nach diesem Erlebnis nicht einmal der Gedanke, von diesen herrenlosen Einzelstückchen etwas zu nehmen. Ich wickelte eine Fußgamasche ab und verschnürte damit den Sack.

Ohne weiteren Zwischenfall erreichte ich die Übriggebliebenen einer ehemaligen Kompanie: 14 Soldaten. Man hatte das Geschrei am anderen Ende der Halle vernommen und den Weg ins Visier genommen. Als man mich dann in meinem von Schnee und Blut getränkten Mantel erblickte, wollte man wissen, was mit ihren Kameraden geschehen war. Dann wurde der Postsack geöffnet. Nur wenige Päckchen fanden ihren wirklichen Besitzer. Die Adressaten der meisten Päckchen waren gefallen, verwundet oder vermisst. So wurde der gesamte Rest auf die noch Anwesenden und die Vorposten aufgeteilt, wobei man mich einschloss. In den letzten Tagen war unsere Verpflegung ständig gekürzt worden. So verschlangen wir gierig diese teils noch gefrorenen Herrlichkeiten.

Ich informierte den Führer dieser Kampfgruppe über die Frontverkürzung und Rückverlegung in der kommenden Nacht. Bei meinem Aufbruch meinte er, in meiner blutigen Schlachteraufmachung sollte ich nicht zu meinen Leuten zurückkehren. Er gab mir den Mantel seines Vorgängers, der am Tag zuvor gefallen war.

Auf meinem Rückweg berührte ich wieder die Stelle des Überfalles. Dichter Schneefall hatte eingesetzt. Da die Toten bereits eingeschneit waren, zog ich beide an eine geschützte Stelle und verharrte dort eine Weile. Im Angesicht dieser Toten wurde mir erneut der ganze Wahnsinn hier bewusst. Mein Herz schrie nach Gott, aber es war sinnlos ihn anzurufen. Hier in Stalingrad war die Hölle, hier konnte es keinen Gott geben.

Auf meinem weiteren Weg traf ich dann bei den Vorposten auch meinen zweiten Begleiter, der den Russen verfolgt hatte, wieder. Er hatte die Verfolgung aufgegeben und meinte dazu: „Warum sollen wir uns wie Mörder gegenseitig abschlachten? Unsere eigene Führung hat uns längst abgeschrieben. Ich werde mich jetzt nur noch verteidigen, wenn mein eigenes Leben bedroht wird.“

Als ich zu meiner Einheit aufbrach, wurde es bereits wieder dunkel. Das Schneetreiben hatte nachgelassen, aber die Kälte nahm ständig zu. Man hörte klirrende Geräusche und hatte den Eindruck, die Luft würde wie Glas zerspringen. Plötzlich brach ein Inferno los. Die russische Artillerie schoss aus allen Rohren. Ich hetzte durch Trümmerwüsten und sprang von Trichter zu Trichter. Zwei weitere Kameraden, die mit mir in einer Ruine Schutz gesucht hatten, verließen entgegen meiner Bedenken unseren Unterschlupf. Zwei Häuser weiter kamen sie durch einen Volltreffer ums Leben. Während einer Feuerpause gelang es mir später, den Bunker meiner Gruppe zu erreichen.

In dieser  letzten Januarwoche 1943 hatte der Russe mit der Auflösung des Kessels begonnen. Die Stunde unseres Untergangs rückte immer näher.

 

Dieter Peeters

 

 

 

 

Dieter Peeters - Vermisst in Stalingrad

Einzelschicksal am Ende der Schlacht

Als Geburtshelfer in den Ruinen von Stalingrad

Kameradschaft bis in den Tod

Überleben in russischer Kriegsgefangenschaft

Gefangenentransport in den Tod

 

 

Als Geburtshelfer in den Ruinen von Stalingrad

 

Infolge der Übermacht der Russen sowie dem Mangel an Munition und Verpflegung, lagen im Januar ´43 unsere Verluste an Mensch und Material auf dem Höhepunkt. Überall wurde nur noch gestorben. Der Verteidigungsring wurde immer kleiner. Die aus unserer einst erfolgreichen Kompanie gebildeten kleinen Verteidigungsposten mussten einer nach dem anderen aufgegeben werden. Nur unser Trupp und der in einer der Fabriken waren noch vorhanden. Doch dieser musste nun aus strategischen Gründen zurückgezogen werden und einen Platz neben uns besetzen.

Ich bekam in der Dunkelheit den Auftrag, den Posten in der Fabrik darüber zu informieren und sofort zurückzuführen. „Was für ein Himmelsfahrtkommando!“, dachte ich, als ich mich auf den Weg machte. Mühsam kroch ich von Geröllhaufen zu Einschlagtrichtern, von Ruine zu Ruine. Ununterbrochen schossen die Russen mit ihren Granatwerfen. Aber auch russische Scharfschützen hielten auf alles, was sich bewegte. Schließlich erreichte ich unversehrt die Stelle, der einmal die Toreinfahrt zur Fabrik war. Die heftigen Kämpfe der Vergangenheit und der Großangriff der Russen am 19. November hatten hier alles restlos zerstört. Meterhohe Gesteinsmassen, Geröll, Eisenträger und Rohre versperrten den Weg und die Sicht. Ich fand dann ein Loch, durch das ich kriechend zu unserem ehemaligen Schleichweg gelangte.

Doch auch hier das gleiche Chaos. Kein Stein stand mehr auf dem anderen und eine Lageeinschätzung für mich nur schwer möglich. Es dauerte etwa eine Stunde, bis ich den Standort unseres Postens erreichte.

Und dann… ich ahnte es die ganze Zeit schon: Unsere übrig gebliebenen Kameraden waren alle tot. Der Volltreffer einer russischen Granate hatte sie erwischt und in Stücke gerissen. Viel Grauenvolles habe ich in den letzten eineinhalb Jahren sehen und erleben müssen. Aber beim Anblick meiner toten Kameraden, schossen mir die Tränen in die Augen. Dieses Bild hat sich bis heute fest in mein Gedächtnis eingebrannt, so dass ich es bis an mein Lebensende nicht vergessen werde. Im Angesicht der Toten verharrte ich still einige Minuten. Dann kam mir wieder der Gedanke an Schuld und Sühne. Warum bist du hier? Was haben uns diese Menschen hier fern der Heimat getan? Das Ganze nur, weil uns unsere Regierung nach hierher befohlen hat. So vieles ging mir in diesem Moment durch den Kopf. Aber ich musste einen klaren Gedanken behalten, weil immerwährend auch mein Leben in Gefahr war. Ich wollte doch eines Tages wieder zurück nach Hause.

Da die Russen das Störfeuer inzwischen eingestellt hatten und der Mond durch Wolken verdeckt wurde, entschloss ich mich im Schutz der totalen Finsternis zur Rückkehr. Ich erreichte schnell die von uns so genannte „Ruinenstraße“.

Plötzlich vernahm ich das verhaltene Wimmern einer Frauenstimme und dann entdeckte ich diese Frau. Es war eine Russin. Sie saß auf den Stufen eines Hauseinganges. Als sie mich sah, winkte sie mich durch Handzeichen zu sich. Ich zögerte kurz. Immerhin konnte es ja auch eine Falle sein. Doch dann näherte ich mich ihr langsam. Da schlug sie eine Decke zurück und zeigte mir ihren aufgeblähten Bauch. Sie war hochschwanger und stand offensichtlich kurz vor einer Entbindung.

Sie fasste meinen Arm und gab mir zu verstehen, dass ich mich zwei Stufen niedriger zwischen ihre Beine knien sollte. Als ich das tat, erkannte ich, dass bereits der Kopf ihres zu gebärenden Kindes sichtbar war. Während ich für diese Frau schnell meinen teils hartgefrorenen Mantel und meine Uniformjacke vom Körper riss, vernahm ich das Pfeifen einer uns überfliegenden Granate, die ganz in unserer Nähe einschlug. Die Frau schrie vor Schreck kurz laut auf.

Als ich der Kopf des Kindes langsam bewegte, zog ich in der Eiseskälte rasch noch mein zweites Unterhemd aus und erfasste mit beiden Händen dieses kleine Etwas, das ihren Körper verließ. Ich wickelte das Kind in mein Unterhemd. Ich zog meine Uniformjacke zu uns heran, um das Neugeborene mehr vor der Kälte zu schützen. Da sah ich, dass ich mit dieser Frau nicht alleine war. Zwei weitere Frauen standen neben uns mit Decken und Tüchern bepackt. Eine warf Decken über das Neugeborene, die zweite eine Decke über meinen halbnackten, vor Kälte zitternden Körper. Dabei küsste sie mich auf die Wange.

In diesem Moment setzte erneuter Granatbeschuss ein. Wir flohen ins Innere der Ruine. Etwas später, in einer Feuerpause, nahm ich meinen Mantel, sagte „doswidanja“ (zu Deutsch „Auf Wiedersehen“), streichelte die junge Mutter mit ihrem inzwischen gut verpackten Baby und ging unter Deckung weiter zu unserem Bunker zurück, der sich ganz in der Nähe dieses Ereignisses befand.

Meine Kameraden waren überrascht, als sie mich in einer großen Wolldecke eingewickelt erblickten. Ich erzählte ihnen von meinem gerade Erlebten und wurde sofort wieder als Soldat eingekleidet, wobei ich die Uniform eines unserer toten Kameraden erhielt.

So wurde ich Ende Januar 1943, nur wenige Tage vor meiner Gefangenschaft, in der Hölle von Stalingrad, unfreiwillig zum Geburtshelfer.

 

Dieter Peeters

 

 

 

 

Dieter Peeters - Vermisst in Stalingrad

Einzelschicksal am Ende der Schlacht

Als Geburtshelfer in den Ruinen von Stalingrad

Kameradschaft bis in den Tod

Überleben in russischer Kriegsgefangenschaft

Gefangenentransport in den Tod

 

 

Kameradschaft bis in den Tod

 

Das Folgend geschilderte, persönliche Erlebnis des Dieter Peeters hat nach Drucklegung den Weg in sein Buch nicht mehr finden können. Überdies kostete ihn auch diese grauenhafte Schilderung nach Jahrzehnten des Schweigens und der Verarbeitung eines nie verwundenen psychischen Traumas durch das damals Erlebte unendlich viel Kraft für eine Niederschrift. Vieles wird die Nachwelt nicht erfahren, weil die Geschehnisse jegliches Vorstellungsvermögen sprengen würden. Nur wenige ehemalige Soldaten der Wehrmacht waren überhaupt in der Lage über die schlimmen Ereignisse im Russlandfeldzug zu sprechen. Und die es taten, taten es mit dem Gedanken, nachfolgende Generationen zum Nachdenken zu bewegen. Kriegseinsätze unter der Gefahr bleibender Versehrtheit oder gar des eigenen Todes erfolgen damals wie heute selten freiwillig. Sie werden unter Androhung harter Strafen befohlen.

In der Nacht zum 1. Februar 1943, auf dem Todesmarsch in die Gefangenschaft, sanken die Überlebenschancen eines jeden Einzelnen von uns rapide. Bisher hatten wir hier und da eine Möglichkeit gefunden die Strapazen des Marsches ein wenig zu lindern, indem wir zum Beispiel in schützenden Kellerruinen übernachten konnten. Das war von nun an vorbei. 

In dieser Nacht befanden wir uns in freier, schneebedeckter Steppe, ohne jeglichen Schutz der erbarmungslosen Witterung ausgeliefert. Seit nunmehr vollen drei Tagen ohne einen Tropfen Wasser und ohne ein Stückchen Brot waren wir Überlebenden der bitteren Kälte bei eisigem Steppenwind ausgeliefert.

In dieser schlimmen Situation wurden wir von einem Temperatursturz überrascht. Das Thermometer fiel innerhalb weniger Minuten von 20 Minusgraden um weitere 10 Grad. Kurze Zeit später überschlugen sich die Ereignisse. Wir befanden uns in einem heftigen Wirbelsturm. Dabei tobte ein stechend scharfer Ostwind, der unsere geschwächten Körper nach unten in den Schnee zwang. Gleichzeitig prasselten große Eis- und Schneebrocken auf uns nieder, welche teils schwere Verletzungen bei den Männern verursachten. Dicht aneinander gedrängt, beide Arme schützend über den Kopf haltend, versuchten wir das Inferno zu überstehen. Es war die schwerste Wetterkatastrophe, die ich in 8 russischen Wintern erlebt habe. 

Wir alle ermüdeten in dieser Schutzhaltung sehr schnell. Zu sehr haben die Anstrengungen der letzten Wochen durch Mangel an Schlaf, Nahrung und Wärme unseren ausgezehrten Körpern zugesetzt. Die Gefahr einzuschlafen war groß und so riefen einige Kameraden immer wieder zum Nächsten "Nicht einschlafen, das ist Dein Tod!“. Einige begannen zu beten, viele andere schlossen sich an und niemand fand das seltsam. Die Zeit der Qualen in Schnee und Eis schien endlos. Sie wollte einfach nicht vergehen. Der Tod in diesen Momenten wurde für viele meiner Kameraden eine Erlösung.

Endlich, nach mehr als einer Stunde ließ dieser entsetzliche Eissturm nach. Wir hakten uns gegenseitig ein und rafften uns mühsam hoch. Dabei sackten viele Kameraden wieder zu Boden. Sie waren tot. Schätzungsweise hat jeder Dritte von uns die harten, lebensfeindlichen Belastungen in dieser Nacht nicht überstanden. 

Unsere russischen Bewacher drängten wegen der Kälte zum Abmarsch. Der aber war wegen der vielen, vielen Toten auf dem einzig begehbaren Weg in der tief verschneiten Steppe nicht möglich. So legten wir mühsam die Toten im freien Schneefeld neben dem Marschweg ab. All diese Kameraden blieben namenlos als „Vermisst in Stalingrad“ zurück. 

Einige Meter vor uns versperrten zwei Kameraden, die sich nicht an der Aktion beteiligt hatten, unseren Weg. Sie hockten im tiefen Schnee auf dem Boden. Zum Schutz vor der Kälte hatten sie sich einen großen Wehrmacht-Fahrermantel über ihre Köpfe gezogen und wirkten so wie ein menschliches Bündel. Als sie auf unsere Anrufe nicht reagierten, schaltete sich ein russischer Wachtposten ein und stieß mit seinem Gewehrkolben gegen das Bündel. Der teils hartgefrorene Mantel fiel zu Boden und gab den Blick auf einen schweren Klotz frei, der sich eigentümlich geräuschvoll auf die Seite legte. In diesem Augenblick bot sich ein unbeschreiblich trauriges Bild, welches uns trotz allen Elends erstarren ließ. 

Es handelte sich um zwei Kameraden, die sich zum Schutz vor der großen Kälte eng aneinandergeschmiegt hatten, vermutlich erschöpft eingeschlafen waren und am lebendigen Leib erfroren sind. Einer der beiden hielt noch schützend seine Hand auf dem Ohr des anderen. Der tief gefrorene menschliche Fleischberg bot in der Eishölle Stalingrads das Bild eines bizarren Denkmals, eine „Kameradschaft bis in den Tod“. 

Dieses erschütternde Erlebnis trieb uns und selbst den hartgesottensten Männern die Tränen in die Augen. 

Als dann endlich der Befehl zum Aufbruch gegeben wurde, machte ich schlapp. Ich konnte nicht mehr gehen, meine Beine waren wie gelähmt. Ich bat meine beiden mir sehr nahe stehenden Kameraden Peter und Paul, mich liegen zu lassen. Sie verneinten, griffen mir beide unter die Achseln und schleiften mich so durch den Schnee. Das hatte „mein russischer Soldat“ * beobachtet. Er kam sofort zu uns und flüsterte mir ins Ohr, dass wir mittags ein Lager erreichen werden. Das gab mir dann doch wieder ein wenig Kraft und Auftrieb. 

Mit letzten Kräften erreichten wir gegen Mittag tatsächlich die ersten Häuser der Ortschaft Beketowka, südlich von Stalingrad. Hier entstand in diesen Tagen das größte Kriegsgefangenenauffanglager der Sowjets, das aber schon bald den Ruf eines Todeslagers erhielt. In der Zeit meines Aufenthaltes starben hier unter unvorstellbaren Bedingungen nachweislich mehr als 45.000 (!) Kriegsgefangene.

Für mich, wie für viele tausende meiner Kameraden auch, begann eine unendliche Leidenszeit, über die ich in meinem Buch "Vermißt in Stalingrad“ berichtete.

* Näher beschrieben in „Vermißt in Stalingrad“

 

Dieter Peeters

 

 

 

 

Dieter Peeters - Vermisst in Stalingrad

Einzelschicksal am Ende der Schlacht

Als Geburtshelfer in den Ruinen von Stalingrad

Kameradschaft bis in den Tod

Überleben in russischer Kriegsgefangenschaft

Gefangenentransport in den Tod

 

 

Überleben in russischer Kriegsgefangenschaft

 

Im Jahr 2019 erschien die 12. erweiterte Auflage des überaus dramatisch spannenden Buches "Vermißt in Stalingrad". In diesem Buch berichtet der Stalingradveteran Dieter Peeters von einigen seiner Erlebnissen als junger Soldat im Kessel von Stalingrad und seinem Aufenthalt im Todeslager Beketowka, wo innerhalb weniger Monate über 45.000 deutsche und verbündete Soldaten als Kriegsgefangene elendig umkamen.

Dieter Peeters berichtet auch über das Schicksal der deutschen Kriegsgefangenen, denen es vergönnt war, das Todeslager zu überleben. Dabei blieben Antworten zu Fragen offen, die dem Autor von Angehörigen ehemaliger Stalingradsoldaten gestellt wurden. Dies gab Anlass zu einer ausführlicheren Darstellung, welche allerdings bei der Erstellung der 5. Buchauflage nicht mehr berücksichtigt werden konnte. So habe ich mich, gemeinsam mit Herrn Peeters dazu entschlossen, dies hier zu veröffentlichen.

…Für mich war es ein unerklärliches Phänomen: Ich war einer der Wenigen, der die Hölle im Kessel und das Grauen in einem russischen Todeslager als wandelndes Skelett überlebt hatte.

Nachdem man uns Übriggebliebene wieder zu menschlichen Wesen und damit auch zu Arbeitskräften hochgepäppelt hatte, befand ich mich um die Jahreswende 1943/44 auf dem Weg nordwärts, Richtung Ural.

Anstelle der üblichen Viehwaggons erfolgte der Transport zum ersten Mal in Personenzugwaggons. Allerdings waren diese umgebaut und normalerweise für russische Strafgefangene vorgesehen. Hier waren in den einzelnen Abteilen durch Querbretter mehrere Ebenen entstanden, wobei sich drei Liegeplätze für jeweils zwei Gefangene ergaben. Am Kopfende fehlten die Fenster, am Fußende war anstelle einer Tür ein verschließbares Gitter montiert. Da man bei der geringen Höhe nur flach liegen konnte, wurden bei der Suppenausgabe zwei Querbretter am Fußende entfernt. Die Gefangenen der oberen Ebenen konnten so auf die unterste klettern, wo sechs Gefangene eines Abteils auf dem Boden sitzen konnten.

Am Tag vor Neujahr wurde unser Zug auf ein Abstellgleis gestellt. Jedes Abteil erhielt für sechs Gefangene einen Salzfisch als Verpflegung. Die russischen Posten waren in Eile, so dass kein Brot und Wasser ausgeteilt wurde. Unsere Bewacher waren plötzlich verschwunden, nachdem sie das Feuer in den Öfen auf den Plattformen gelöscht hatten. Der stark gesalzene Fisch zeigte Wirkung. Schon bald quälte uns ein unerträglicher Durst. In der Ferne hörten wir Musik. Die Russen feierten den Jahreswechsel. Verzweifelt riefen wir nach der Wache, aber niemand hörte uns. Es wurde Nacht. Wir Gefangenen schrien, tobten und trommelten in unserer Not gegen die Waggonwände. Es war alles umsonst. Niemand hörte uns.

Unsere Bewacher kamen erst am Mittag des nächsten Tages betrunken und aggressiv zurück. Auf unsere Bitten nach Wasser schütteten sie es eimerweise durch die Gitter auf uns. Völlig durchnässt froren wir erbärmlich bei dieser großen Kälte.

Bereits stark geschwächt, kam es wenige Stunden später bei einigen Kameraden und auch bei mir zu Fieberanfällen. Ein herbeigeholter russischer Arzt verordnete für alle Gefangenen heißen Tee. Als sich der Zug wieder in Bewegung setzte, trat endlich die erhoffte Ruhe ein. In dieser eintönigen Enge aber, überkam es mich wieder – dieses Gefühl der Demütigung, des Ausgeliefertseins und der hoffnungslosen Hilflosigkeit. Bereits in Stalingrad lebte jeder Einzelne von uns am Rande des Todes, nun vegetierten wir wie Schlachtvieh in den engen Holzkäfigen.

Immer wieder hielt der Zug. Manchmal standen wir stundenlang auf einem Abstellgleis. Unsere Notdurft durften wir nur auf Befehl der russischen Posten und nur bei einem Aufenthalt in der Nacht verrichten.

Endlich, nach etwa zwanzig Tagen kam die Erlösung: Als plötzlich unter unseren Bewachern ein unruhiges Treiben ausbrach, die kleinen Öfen gelöscht wurden und die Soldaten ihre Uniformmäntel anzogen, war klar: Wir näherten uns dem Ziel.

Nachdem der Zug angehalten hatte, wurden die Eisengitter am Fußende unserer Käfige entfernt. Unter großer Anstrengung krochen wir hinaus, wie üblich zunächst unfähig, aufrecht zu stehen oder zu gehen. Die Russen kannten das Trauerspiel und gaben uns etwas Zeit, bis sie uns dann zum Ausgang schoben. Es war tiefschwarze, eiskalte Nacht. Unsicher auf den Füßen, rutschten wir über die Wagenstufen in den tiefen Schnee.

Vor den Waggons mussten sich alle Gefangenen in Viererreihen aufstellen. Hierbei fiel auf, dass der Zug beträchtlich an Länge zugenommen hatte. Bei den ständigen Aufenthalten waren weitere Waggons mit Kriegsgefangenen angehängt worden. Und noch etwas war zu beobachten: Einige Bewacher trugen keine Uniformen. Sie hatten Knüppel in den Händen, um sich wohl Respekt zu verschaffen. Später erfuhren wir, dass es sich um lebenslänglich Verbannte handelte.

Die erbärmliche Kälte brachte viele von uns in große Nöte. Einige Kameraden baten die Posten aus den Reihen treten zu dürfen, um ihre Notdurft zu verrichten. Dies wurde verweigert. So kam es, dass das Wasser vor Schmerz nicht mehr gehalten werden konnte. Fluchend machten sie sich in die Hose. Dies wiederum veranlasste andere, ohne Rücksicht auf Kameraden und Bewacher an Ort und Stelle zu urinieren. Das Wachpersonal geriet in Rage und machte von seinen Knüppeln Gebrauch. Ein unbeteiligter junger Kamerad, der sich gerade vom Nebenwaggon zu uns gemogelt hatte, wurde von einem Zivilwächter unglücklich am Kopf getroffen. Er glitt zu Boden. Als ich ihm wieder auf die Beine half, schaute mich der Bewacher irritiert betroffen an. Er kramte eine Machorka (selbstgedrehte, russische Zigarette) hervor und übergab mir diese mit einem Hinweis auf den Verletzten.

Ich empfahl dem Kamerad, seine Gesichtshälfte mit Schnee zu kühlen. Als dieser mir dann über seine Schwierigkeiten mit seinen Kameraden vom anderen Waggon berichten wollte, wurde er von einem Befehl, der vom Wachpersonal durchgerufen wurde, unterbrochen. "Proverka!" (Zählung) ertönte es laut durch die Nacht. In den Folgejähren löste dieses Wort einen Schauder unter uns Kriegsgefangenen aus. "Proverka" war ein Ritual bösartiger Schikanen und oft unmenschlicher Strapazen. Eine hier zunächst beabsichtigte Kontrolle zur Waggonbelegung wurde nach mehrfachen Versuchen abgebrochen. Wir hatten uns längst untereinander vermischt. Infolge der Kälte drängten sich alle aneinander, um so die letzte Körperwärme zu erhalten. Eine Gesamtzählung über die Länge des ganzen Zuges erwies sich nach vielen Ansätzen ebenfalls als unmöglich. Die Hektik der Bewacher steigerte sich. Immer aufgeregter liefen sie brüllend unsere Reihen entlang, ohne jedoch zu einer Entscheidung zu kommen.

So vergingen für uns mehr als zwei qualvolle Stunden. Inzwischen hatte ein starkes Schneetreiben eingesetzt. Unsere Kleidung begann zu vereisen. Vor Kälte zitterten wir am ganzen Körper. Als die ersten Gefangenen schlapp machten, entschlossen sich die Russen endlich zum Aufbruch. Offenbar war es doch wichtiger, alle Gefangenen noch lebend im Lager abzuliefern. Mühsam und mit allerletzter Kraft kämpften wir uns, teils im Gänsemarsch, durch tiefen Schnee. Jeder war erleichtert, als schon bald das Lager erreicht wurde.

 

Lager Wolosniza

In diesem ehemaligen Gulag für russische Straftäter sollten wir die nächsten Jahre verbringen. Dieser Ort liegt an den westlichen Ausläufern des Nordurals. An unsere Ankunft und die erste Nacht in diesem Lager kann ich mich noch gut erinnern. Mit 40 Mann waren wir einer Baracke zugewiesen worden. Hierin befanden sich rechts und links neben einem etwa drei Meter breiten Mittelgang doppelstöckige Holzpritschen, deren Breite für fünf Liegeplätze vorgesehen war. In der Mitte des Raumes befand sich auf dem Gang ein Kamin, an dem ein Kanonenöfchen angeschlossen war. Wärme konnte nur im Umkreis von etwa drei Metern wahrgenommen werden.

Mit etwas Glück hatte ich den äußeren Platz einer Pritsche erwischt, so dass ich nur einen Nebenmann hatte. Die schmutzigen, teils blutbefleckten Bretter ließen auf Ungeziefer schließen. Den Platz neben mir hatte der junge Kamerad eingenommen, dem ich nach unserer Ankunft und dem Zwischenfall mit dem russischen Posten behilflich war. Seitdem wich er nicht mehr von meiner Seite.

Wir hatten kaum unsere Habseligkeiten auf dem zugeteilten Schlafplatz abgelegt, als ein dröhnendes Geräusch ertönte. Dieses Geräusch wurde durch einen Hammer ausgelöst, der auf ein hängendes Schienenstück geschlagen wurde. „Essen fassen!“, hieß es. Wir ließen alles liegen und stürmten nach draußen. Barackenweise wurde das Essen ausgegeben: Eine dünne Kohl-Wassersuppe und etwa 200 Gramm dunkles, nasses Brot.

Bei der Ausgabe kam unsere Baracke als eine der letzten an die Reihe. Instinktiv trank ich diese Suppe sofort aus und verschlang das Stück Brot auf dem Rückweg zur Unterkunft. Gerade dort angekommen wurde erneut Alarm geschlagen: "Raustreten zur Proverka!" Wieder mussten wir hinaus in die Kälte. Die meisten von uns hatten noch nichts gegessen.

Diese Proverka war für mich ein unvergesslicher Akt menschlicher Demütigung, die zum Sadismus ausartete. Stundenlang standen die Kriegsgefangenen, teils nur notdürftig bekleidet, bei einer Kälte von mehr als 20 Grad Minus im Freien. Es wurde gezählt und immer und immer wieder gezählt. Währenddessen durchsuchten einige russische Zivilbewacher in den Unterkünften unsere persönliche Habe nach für sie brauchbar erscheinenden Dingen. Wegen bereits zahlreicher „Filzungen“ (Leibesdurchsuchungen) seit der Gefangennahme verschwand nun auch noch der letzte Rest privaten Eigentums auf Nimmerwiedersehen. Man gab diesen Gaunern für ihr übles Treiben auch recht viel Zeit. Es dauerte eine Ewigkeit, bis der Wachoffizier diesem Spektakel endlich ein Ende setzte.

In der Baracke erwartete uns ein Chaos. Suppengefäße waren umgestoßen und Brotportionen mitgenommen. Viel Zeit verging, bis die noch vorhandenen Habseligkeiten wieder bei den Besitzern landeten. So konnten die meisten von uns nach den vielen Strapazen nicht einmal ihren Hunger stillen. Todmüde streckten wir uns auf den kahlen Brettern nieder. Es gab keine Strohsäcke als Unterlage und keine Decken, die wenigstens etwas gewärmt hätten. So zogen wir unsere noch feuchten Jacken über den Kopf. Unsere Schuhe fanden aus Angst vor Diebstahl am Kopfende Platz. Manch einer benutzte sie als Kopfkissen.

Diese Verhältnisse änderten sich erst nach Kriegsende 1945. Als die ersten Nachkriegsgefangenen eintrafen, erhielten wir erstmals Decken und Strohsäcke für unser Nachtlager.

Vollkommen abgewirtschaftet schliefen wir in dieser ersten Nacht in der neuen Bleibe ein. Doch schon bald störten Flöhe und Wanzen unseren Schlaf.

Später wachte ich durch ein Geräusch auf. Es kam von dem jungen Kamerad (Name vergessen) neben mir. Er hatte seine Jacke über den Kopf gezogen und weinte hemmungslos. Ich stieß ihn an und fragte nach dem Grund. Nun erfuhr ich seine teils verworrene Geschichte: Er war mit 18 Jahren eingezogen worden. Durch Beziehungen seines Vaters, angeblich eines Konsuls, kam er nach seiner Ausbildung nicht zur kämpfenden Truppe, sondern zu einer Organisation, die als Begleitschutz für Versorgungsgüter nach Russland eingesetzt wurde. Nach seiner Ankunft am Zielort sei er jedoch einer Einheit zugeteilt worden, die auf dem Weg zur Front war. Bei seinem ersten Einsatz in einem Spähtrupp kam dieser in einen Hinterhalt und er mit seinen Kameraden in russische Gefangenschaft. Er war nun der irrsinnigen Ansicht, nicht als Kriegsgefangener behandelt werden zu dürfen, weil er versehentlich unter die kämpfende Truppe geraten sei. Er bildete sich ein, sein Fall sei auf diplomatischem Weg zu lösen, indem russische Diplomaten mit denen sein Vater befreundet sei, eingeschaltet werden. Ich machte ihm klar, dass die meisten von uns nicht freiwillig nach Russland gekommen sind. Doch es war umsonst, ich konnte ihn nicht von seinen Illusionen befreien. Jetzt verstand ich, warum ihn seine bisherigen Kameraden gehänselt und "Spinner" genannt hatten.

Am nächsten Vormittag erfolgte die erste Gesundheitsinspektion, für uns wie auf einem Viehmarkt eine reine Fleischbeschau. Diese bestand aus einem Kniff in eine Pobacke, wobei je nach Beschaffenheit des Fleisches - stramm/schlaff/ohne - eine Einstufung in Arbeitskategorien erfolgte. Hierbei ergab sich auch die Festlegung des zuständigen Arbeitslagers. Diese Kontrolle, von den Russen nur kurz als "Inspektion" bezeichnet, wurde von männlichen und weiblichen Personen durchgeführt, wobei zu bezweifeln war, dass es sich immer um ausgebildete Ärzte handelte.

Infolge der Neuzugänge war der Andrang an diesem Tag besonders groß und es wurden viele "Kontrolleure" eingesetzt. Plötzlich brach in einer Ecke ein lauter Tumult aus. Es ging um meinen Pritschennachbarn, den die Inspektoren wegen seines noch kräftigen Körperbaus in die Kategorie für Schwerstarbeiten eingestuft hatten. Er protestierte lauthals und tobte schließlich so heftig, dass er abgeführt werden musste. Am folgenden Tag wurden wir informiert, dass er im Karzer tot aufgefunden wurde. Selbstmord? Für mich war das unfassbar, aber ein Sanitäter der Krankenbaracke bestätigte mir später, dass er den Toten gesehen habe.

Nach der Inspektion erfolgte eine, angeblich dem Klima und der Arbeit angepasste Neueinkleidung für alle Gefangenen. Wir erhielten Filzstiefel mit undichten Sohlen, die man mit Einlagen aus Papier oder Stroh abgedichtet hatte, sowie Wattejacken und -hosen, die in einem erbärmlichen Zustand waren. Herunterhängende Stoffetzen ließen darauf schließen, dass es sich um abgesetzte Bekleidung russischer Strafgefangener handelte. Später brachten wir in Erfahrung, dass die für uns bestimmte Bekleidung von korrupten russischen Beamten verschoben wurde. So war es unser Los, uns als Lumpenproletarier präsentieren zu müssen.

Wir befanden uns hier im Hauptlager, dem weitere Arbeitslager in tiefer Waldeinsamkeit unterstellt waren. Von den neu aufgestellten Arbeitsbrigaden wurden einige auf die Außenlager verlegt. Ich verblieb zunächst in diesem Hauptlager. Die tägliche Arbeitszeit betrug zehn Stunden, zusätzlich langer Fußmärsche zur jeweiligen Arbeitsstelle. Jeder zehnte Tag sollte ein Ruhetag sein, was manchmal "übersehen" wurde. Militärs waren unsere Bewacher. Russische Strafgefangene in zivil wurden in den ersten Jahren als unsere Natschalniks (Vorgesetzte) eingesetzt.

Für uns deutsche Kriegsgefangene galten die gleichen Vorschriften und Arbeitsnormen wie für russische Straftäter und für alle Arbeiten gab es Normen, in denen das im Tagesablauf zu erreichende Soll festgeschrieben war. Nichterfüllung hatte Abzug bei der Brotration zur Folge.

In dieser Gegend dauerte der Winter neun Monate, in den übrigen Monaten war es aber auch recht kalt. Ich habe hier jahrelang keinen richtigen Sommer erlebt. Bei jedem Wetter mussten Bäume gefällt werden, wobei wir Laien oft in lebensgefährliche Situationen gerieten. Jeweils zwei Mann mussten mit großen Bügelhandsägen die Stämme auf drei Meter Länge schneiden. Das war für viele von uns körperlich geschwächten Männern eine ungewohnte, fast nicht zu bewältigende Knochenarbeit. Wer dort versagte, wurde als Träger eingesetzt. Die zugeschnittenen Stämme mussten von jeweils zwei Personen auf der Schulter über weite Strecken zum Stapelplatz oder direkt zur Verladung auf Waggons geschleppt werden. So muss es zur Sklavenzeit zugegangen sein. Die schweren Arbeiten wurden ausschließlich durch menschliche Arbeitskraft, ohne Technik ausgeführt.

Nachdem ich zwei Wochen als Träger gearbeitet hatte und meine offene, blutige Schulter kein Tragen mehr zuließ, brach ich unter schwerer Last zusammen. Ich kam ins Lazarett und anschließend in ein Erholungslager. Über Jahre hinweg vollzog sich bei mir dieser Teufelskreis: Arbeitsfähiger/Dystrophiker (Dystrophie = krankhafte körperliche Veränderungen durch Mangelernährung, die in russischer Kriegsgefangenschaft häufig zum Tode führten). So ergab sich fast monatlich ein Wechsel zwischen Arbeits- und Erholungslager. Im so genannten Erholungslager musste ich in der Wäscherei arbeiten.

Unsere Erwartungen, nach Ankunft in Wolosniza als normale Menschen leben zu dürfen, erfüllten sich leider nicht. Das mag daran gelegen haben, dass zu dieser Zeit der Krieg noch nicht beendet war. So war es unser Schicksal, weiterhin Leiden und Demütigungen ertragen zu müssen. Für mich sollte dieser Prozess andauern, bis ich drei Jahre später in den Kaukasus verlegt wurde. Dort erlebte ich einen Wendepunkt in meinem Dasein als Kriegsgefangener: Ich wurde nach vielen Jahren endlich wieder wie ein Mensch behandelt.

 

 

Brief eines ehemaligen Kameraden an Dieter Peeters. Dieser bestätigt das im Buch "Vermißt in Stalingrad" Beschriebene.

 

Dieter Peeters

 

 

 

 

Dieter Peeters - Vermisst in Stalingrad

Einzelschicksal am Ende der Schlacht

Als Geburtshelfer in den Ruinen von Stalingrad

Kameradschaft bis in den Tod

Überleben in russischer Kriegsgefangenschaft

Gefangenentransport in den Tod

 

 

Gefangenentransport in den Tod

 

In seinem Buch „Vermißt in Stalingrad“ berichtet der ehemalige Stalingradkämpfer Dieter Peeters über einige seiner Erlebnisse während der Kämpfe um die Stadt an der Wolga und über den unmenschlichen Marsch nach Beketowka, dem damals größten russischen Kriegsgefangenenauffanglager. Dieter Peeters überlebte dort acht Monate unter schwierigsten Bedingungen, was zurzeit seines Aufenthaltes mehr als  45.000 Kriegsgefangenen nicht vergönnt war.
Eine Zeitzeugenveröffentlichung hat seine Erinnerung an eine traurige Geschichte, welche er als 22jähriger Kriegsgefangener im Lazarett von seinem Pfleger erfahren hat, geweckt und bewogen, erst jetzt, als erstaunlich rüstiger 94jähriger Mann zu berichten.

Im Todeslager Beketowka war ich mit unfassbarem Glück dem Tod mehrmals entronnen. Ende August 1943 hatten wir den Eindruck, dass die russische Führung nach dem Massensterben der vergangenen Monate die letzten noch lebenden Stalingradgefangenen am Leben halten wollte. Dies erforderte eine  Behandlung in normalen Lazaretten für Schwerkranke. So entkam ich im September 1943 diesem Todeslager und wurde als wandelndes Skelett verlegt.
Die Fahrt in Viehwaggons führte zuerst in Richtung Moskau und dann weiter über Gorki (seit 1990 Nischni Nowgorod) in nordöstliche Richtung. Das Lazarett befand sich in Linda. Ich verdanke es einer jüdischen Ärztin, dass ich dort wieder zu einem menschlichen Wesen wurde.

Unter dem Personal befand sich der Pfleger Alex, dem ich ebenfalls viel zu verdanken habe. Nach unserer Ankunft, als es mir noch sehr schlecht ging und mein Körper keine normale Nahrung aufnehmen konnte, hat er mich nach Anweisung der Ärztin versorgt. Seine Nachtwachen verbrachte er oft an meinem Krankenbett. So entstand zwischen uns eine Freundschaft mit gegenseitigem Vertrauen.
Was die meisten nicht wussten: Alex war Wolgadeutscher und er sprach mit mir deutsch, wenn wir ungestört waren. Ich erfuhr von ihm, dass seine Angehörigen im August 1941 nach Sibirien umgesiedelt wurden. Er war mit einer Russin verheiratet, die ebenfalls in diesem Lazarett als Krankenschwester arbeitete.
Als ich mich einmal lobend über die gute Behandlung in diesem Lazarett aussprach, meinte Alex: „Das ist eine kleine Wiedergutmachung an dem übrig gebliebenen Rest der ursprünglich 100.000 gefangenen Soldaten.
Anschließend vertraute er mir ein Geheimnis an, von dem niemand wissen durfte und womit er sich durch Preisgabe selber in Gefahr brachte. Er erzählte mir folgende traurige Begebenheit:

„Die Mutter meiner Frau wohnte im März 1943 in einem Dorf, das in der Nähe der Eisenbahnstrecke östlich von Kirow lag. Dort arbeitete sie in einer Kolchose (landwirtschaftlicher Betrieb), als sie und weitere Frauen eines Tages für eine andere Aufgabe unter größter Geheimhaltung dienstverpflichtet wurden.
Die Frauen stattete man mit Schaufeln aus und führte sie zu einer Ausweichschleife der Bahnstrecke. Hier beauftragte man sie, entlang der Schienen tiefe Gräben auszuheben. Am nächsten Tag stand ein Zug mit Güterwaggons auf diesem Gleisabschnitt. Als dessen Türen geöffnet wurden, bot sich den Frauen ein Bild des Grauens. Alle Waggons waren prall gefüllt mit den Leichen deutscher Soldaten. Ein schrecklicher Geruch von Verwesung, Blut und Exkrementen breitete sich weit über das gesamte Gelände aus. Man vernahm auch noch Laute aus den Waggons. Es gab also noch Überlebende zwischen diesen toten Körpern.

Nun wurden Seile, Mistgabeln und Schürhaken verteilt. Hiermit sollten die Körper aus den Waggons gezogen und in die ausgehobenen Gräben transportiert werden.
Bei einem der Körper hatte sich das am Fuß befestigte Seil an der Schiebetür verklemmt. Der Soldat stieß einen leisen Schrei aus, als er mit dem Kopf nach unten hing. Meine Schwiegermutter befreite ihn. Gemeinsam mit einer weiteren Frau legten sie ihn auf den Boden Es war ein sehr junger Soldat, vielleicht höchstens 17-18 Jahre alt.
Die Frau schrie laut auf, als dieser Junge plötzlich seine Augen öffnete, sie groß ansah und stammelte: „Ma-ma, hilf mir!“. Das war zu viel für sie. Sie brach in einen Weinkrampf aus und war nicht mehr zu beruhigen.
Inzwischen waren weitere Frauen hinzugekommen. Sie baten den Vorarbeiter, den offenbar nicht verletzten Jungen mit ins Dorf nehmen und versorgen zu dürfen. Das wurde von einem Natschalnik (russ. Bezeichnung für Chef, Vorgesetzter) abgelehnt. Ein Vorarbeiter warf dann den Jungen in den Graben zu den Leichen. Die Frauen stießen auf noch weitere lebende Soldaten. Man zwang sie, diese gleichfalls mit den Toten zu begraben.
In den folgenden Tagen kamen weitere Güterzüge an, die in gleicher Weise abgefertigt wurden.

Spätere Prüfungen ergaben, dass es sich nur um Stalingradsoldaten gehandelt hat. Als die Kriegsgefangenenauffanglager um Stalingrad überfüllt waren, hat man die Gefangenen zügig in Viehwaggons verladen Es gab zu diesem Zeitpunkt kaum eine Möglichkeit zum Abtransport, weil die Bahnstrecken nordwärts entlang der Wolga zerstört waren oder man diese für den dringenden Eigenbedarf nutzte. So wurden diese Züge mit den Kriegsgefangenen je nach Erfordernis hin- und hergeschoben. Schließlich fühlte sich niemand mehr zuständig. Die Soldaten bekamen wochenlang nichts zu essen und nichts zu trinken. So verdursteten, verhungerten oder erfroren sie erbärmlich in diesen verschlossenen Waggons.

Soweit der Bericht von Alex, meinem wolgadeutschen Pfleger. Wer den Befehl für die Art der Transporte gab, konnte im Nachkriegschaos von Stalingrad wohl nicht mehr eindeutig festgestellt werden.

Für mich war klar, dass ich darüber nach meiner Heimkehr schweigen musste, um Alex und weitere Zeugen nicht zu gefährden. Da aber diese grauenvollen Ereignisse inzwischen auch aus anderen Quellen bekannt geworden sind und alle Zeitzeugen mit Sicherheit verstorben sind, ist mein Schweigen nicht mehr erforderlich.

Es hat mich sehr berührt, dass ich wider aller Wahrscheinlichkeit nicht nur acht Monate in einem der russischen Todeslager im Süden Stalingrads überlebt habe, sondern dass ich auch den dreiwöchigen, unmenschlichen Transport über die gleiche Strecke im Viehwaggon zum Lazarett überlebt habe, der zuvor im März für tausende Kriegsgefangene ein grauenhaftes Todesurteil bedeutete.

 

Dieter Peeters

 

 

Dieter Peeters - Vermisst in Stalingrad

Einzelschicksal am Ende der Schlacht

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Kameradschaft bis in den Tod

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Gefangenentransport in den Tod

 

 

 

 

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